von Peter Kamber (28. August 2019)

 

Erzählt werden soll, wie der Zürcher Diplomat Markus Blechner den Nachlass von Chaim Israel Eiss für das Auschwitz Museum sicherte und damit die Geschichte Hunderter vor der Ermordung Geretteter weltweit bekannt machte: Tausende Süd- und mittelamerikanischer Pässe waren während des Zweiten Weltkrieges in Bern fabriziert und von Zürich aus verschickt worden – sie retteten über 600 heute namentlich bekannten Verfolgten in den besetzten Niederlanden und im Ghetto von Warschau das Leben. "Wir finden jeden Tag neue Belege", so Markus Blechner, seit 2012 Polnischer Honorarkonsul in Zürich. 

 

 

Geschichte hinter der Geschichte: Schon als 15-Jähriger übten Pässe und Diplomatie eine besondere Faszination auf ihn aus – was er darüber hörte und Büchern entnahm: "Das war spannend, ein bisschen Glamour usw. – du kommst überall rein. Ich war damals als Jugendlicher kein Schweizer, ich war kein Pole, ich war Jude – eigentlich nur …, und hatte keinen richtigen Pass. Also für mich – für uns – war ein Pass die Essenz vom Leben: Wenn du keinen Pass hast, bist du niemand. Das kann man sich heute gar nicht so vorstellen", erklärt mir der 77-jährige Markus Blechner Ende Juli 2019 in seinem Büro an der Zürcher Stadelhoferstraße. Zur Welt kam er im November 1941 in Zürich. Sein Vater Jakob war damals seit knapp einem Jahr im Schweizerischen Internierungslager Bad Schauenburg – dem einzigen in der deutschsprachigen Schweiz, "das eine koschere Küche hatte, also ein bisschen auf jüdische Belegschaft eingerichtet" war, scherzt Markus Blechner. Mit anderen Emigranten baute sein Vater damals an einer Verbindungsstraße nach Liestal/Basel-Land, erhielt aber, als der Sohn geboren wurde, drei Monate Vaterschaftsurlaub und konnte vorübergehend zurück nach Zürich zu seiner Frau. Das geht aus dem Buch hervor, welches das Stadtarchiv München unter der Leitung von Professor Michael Brenner 2001 über die Familie veröffentlichte.1

 

Mit einem Lufthansa-Flug von München nach St. Gallen war seinen Eltern am 23. August 1939 gerade noch die Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich gelungen1a. Kein Glück hatten nur vier Tage später seine Großeltern und sein Onkel Salo, die am Sonntag, 27. August 1939, gegen 13 Uhr mit dem Zug im Schweizer Grenzort St. Margrethen eintrafen.2 Sie wurden festgehalten, und nach telefonischer Rücksprache mit Bern am folgenden Tag um 11 Uhr zurückgewiesen – trotz gültiger Papiere und Schweizer Visum, das Onkel Salo noch zwei Tage vorher in München erhalten hatte. "Das war ja das Drama!", schildert Markus Blechner.

Sein Großvater Markus wurde darauf am 9. September 1939 in München von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen und am 24. Oktober ins KZ Buchenwald transportiert, wo er am 14. November 1939 – angeblich an "allgemeiner Blutvergiftung" – starb.3 Noch heute nimmt es Markus Blechner – der nach alter Tradition denselben Vornamen wie sein Großvater trägt – sehr mit, wenn er auf Dokumente stößt, die davon berichten. Er kennt die wahren Hintergründe; Brenners Buch beschreibt sie4: Nach dem Bürgerbräu-Attentat auf Hitler am 8. November 1939 in München durch den nicht-jüdischen Nazi-Gegner Johann Georg Elser wurden in Buchenwald "sämtliche Juden in ihre verdunkelten Baracken eingeschlossen", daraufhin 21 der jungen Männer im Steinbruch erschossen, "die Übrigen" blieben drei Tage lang "ohne Nahrung" eingesperrt; und weil zur selben Zeit "angeblich ein Schwein gestohlen" wurde, erhielt "anschließend das gesamte Lager 5 Tage keine Nahrung"5. Das Arbeitskommando im Steinbruch und als Steinträger mit Prügeln und Erschießungen bei Zeichen von Schwäche war mörderisch. 

In seltsamer Koinzidenz hatte die Eidgenössische Fremdenpolizei Markus Blechners Vater Jakob gerade an dem Tage, an dem der Großvater im KZ starb, schriftlich erklärt, "dass wir nicht in der Lage sind, die Einreise Ihres Vaters Markus Blechner, geb. 1879, und Ihres Bruders Salo Blechner, geb. 1914, polnische Staatsangehörige, zu bewilligen, da deren Weiterreise nicht gesichert ist." Onkel Salo hatte von München nach Berlin fliehen können, wo seine Freundin und Verlobte Margot Mondschein lebte6 und wo er zuvor in einer Kleiderfabrik gearbeitet hatte. Aber dort wurde auch er, am selben 9. September wie der Großvater in München, verhaftet. Er kam nacheinander in die KZs Sachsenhausen (Brandenburg), Neuengamme (Hamburg), Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau (Thüringen) und Bergen-Belsen (Niedersachsen).

Aber Onkel Salo überlebte. In einer Postkarte vom 26. April 1945 an seinen Bruder, Markus Blechners Vater, schrieb er unmittelbar nach Wiedererlangung seiner Freiheit: "Ich lebe! Das ist ein Wunder G'ottes." Lebensrettend waren warme Sachen und ein paar Gummistiefel, die seine Mutter Mina (geb. 1888) noch hatte nach Neuengamme schicken können7 – wenige Tage, bevor sie selbst nach Kaunas in Litauen deportiert wurde, wo sie gleich bei der Ankunft, am 25. November 1941, mit allen anderen ihres Transports "vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A erschossen" wurde8. Ebenso wichtig waren Lebensmittelpakete mit Sardinenbüchsen, Feigen und Brot, die ihm der Vater aus Zürich auf dem Weg über die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" in Berlin-Charlottenburg senden konnte; diese Vereinigung stand seit 1939 unter Kontrolle des Reichssicherheitshauptamts; aber mit Brief vom 30. Januar 1944 aus Auschwitz-Monowitz bestätigte Salo "die 15 Päckchen, welche ich alle erhalten habe"9. Eingesetzt worden war Onkel Salo in Neuengamme zuerst im Barackenbau und dann bei Erdarbeiten bei den Dämmen an der Elbe. Es gibt ein Bild mit ihm in betont angestrengter, schwungvoller Arbeitshaltung mit Schaufel und längsgestreiften Anzug – als hätte er den drohenden Blick der Besuchergruppe mit der Kamera auf sich gespürt. Auch Auschwitz-Monowitz begann er im Arbeitskommando Barackenbau, kam später aber bei der IG Farben, die in Monowitz synthetischen Gummi herstellte, in die "Schlosserei". Markus Blechner: "Er hat das Gefühl gehabt, da kann man überleben. Er hat sich einfach zu denen gemeldet. Er hat nicht gesagt: 'Ich schreibe Schreibmaschine.' Er war kaufmännisch [ausgebildet], hat Null Ahnung gehabt." Aber hatte vielleicht ein handwerkliches Talent: "Mein Vater war auch ein bisschen so." Im sogenannten Buna-Lager Monowitz starben "30.000 Juden", schreibt  der Völkerrechtsexperte Benjamin B. Ferencz, der 1947/48 Chefankläger im Prozess gegen die Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes der SS vor dem Nürnberger Militärgericht war, in seinem Buch "Lohn des Grauens. Die verweigerte Entschädigung für jüdische Zwangsarbeiter"10.

Das größte Trauma für Onkel Salo verursachte der Transport nach Dora-Mittelbau in Thüringen. Markus Blechner schildert: "Auschwitz wurde aufgelöst, als die Sowjetarmee näher kam. Da wurden die entweder auf Todesmarsch geschickt; er [Salo] wurde in einem offenen Zug verlegt. Das war Januar [19]45, eiskalt. Das ist tagelang gegangen. An jeder Station hat man gehalten und die Toten rausgeschmissen. Das hab ich gehört. Es war Kannibalismus. Da haben die gegessen … Menschen. Ich hab's von meinem Cousin Mark gehört; mein Cousin hat's vielleicht gehört von seinem Vater. Er hat nicht gesagt: Sein Vater hat das gegessen. 'Man hat …' Und wenn der Zug [in eine Stadt] eingefahren ist – wenn er stand – haben oben [von Brücken aus] Menschen manchmal Essen reingeschmissen, aber die SS hat dann geschossen auf sie usw."

In Dora-Mittelbau bei Nordhausen wurden in unterirdischen Stollen "V2" hergestellt. Markus Blechner: "Da war er in Dora-Mittelbau. Da hat er [sitzend] auf einer [V2] Rakete gearbeitet. Da gibt's ein Bild. Das hat er gefunden, wie er mit seinem Sohn im Holocaust Museum in Washington [D.C.] war, mit Mark. Er hat sich erkannt: 'Das bin ich!' Dann haben wir nachgeguckt, woher das Bild stammt: das stammt aus dem Nachlass eines SS-Offiziers aus Berlin." 

 

Zurück als freier Mensch in München, wurde Onkel Salo von den Amerikanern als Kaufmann eingesetzt und musste das Sportgeschäft Munzinger am Mariannenplatz leiten, ehe es "den alten Inhabern zurückgegeben" wurde. "Und dann haben die Amerikaner ihn gefragt: 'Was möchtest du von uns?' – Da hat er gesagt: 'I want to go to America.' – 'Abgemacht.'" Markus Blechner hörte schon als Kind bei Tisch von Salos Geschichte. Im Alter von 19 oder 20 war er schließlich erstmals selbst in Amerika und traf ihn: "Aber er hat nie im Detail erzählt. Ich konnte nicht fragen – ich war noch jung, ich konnte nicht … – 'Hat man dich geschlagen?' oder so. Ich habe immer Angst gehabt, dass ich eine Reaktion bekomme ... Er ist ja viele Jahre nicht aus sich herausgekommen. Und er hat ja Albträume gehabt, war in psychiatrischer Behandlung über viele, viele Jahre. Er hat manchmal Rückfälle gehabt. Zum Beispiel hat ihn jemand angerufen, am Telefon, und sagt ihm, er wohne auch irgendwo in Amerika, und sagt: 'You remember me? Erinnerst du dich an mich? Wir waren doch zusammen in Auschwitz, in diesem Bunker oder so.' – Dann ist wieder alles hervorgekommen." Es äußerte sich in Depressionen: "Er ist dann tagelang nicht aufgestanden. Schwere Depressionen hat er zum Teil gehabt; dann ist es wieder weg. Es gibt ja Medikamente. Er hat mir nur gesagt: 'Er hat überlebt an dem Glauben, dass er nach … wenn er rauskommt, dass er seine Eltern wieder sieht und [im Glauben] an seine Freundin Margot – er hatte eine hübsche Freundin aus Berlin, er hat ja in Berlin gewohnt. Und er war vor dem Krieg nicht so religiös, er war ein bisschen jovial, ein Lebemann, ist an den Wannsee gegangen – ich hab Fotos von ihm. Er hat die Margot sehr geliebt, und der ist nichts passiert, die ist dann nach Amerika, und das hat ihn gehalten. Die Margot! Kein Kontakt oder so! Aber dass er die wiedersehen will nach dem Krieg!" Sie hatte über Belgien zunächst nach Chile ausreisen können und dort geheiratet11 – und lebte später in Florida. Salos Frau, Toby, nahm, wenn Margot anrief – und da war Salo "schon alt, schon 80", erzählt Markus Blechner –, jeweils das  Telefon ab und sagte: 'Ah, your girlfriend Margot is calling.' Sie hat immer Humor gehabt."  

 

II 

 

Markus Blechner wandte sich erst im Jahr 2000 bewusst der Familiengeschichte zu. Nach einer Karriere als international tätiger Verkaufsdirektor, Manager und Unternehmungsberater zog er sich vom Erwerbsleben zurück – damals noch keine 59. Insbesondere die Frage der ehemaligen Polnischen Pässe seiner Eltern ließ ihn nicht los. Sein Vater hatte die "zurückgegeben": "Aber mein Vater ist ja nicht zur kommunistischen Botschaft gegangen und hat gesagt: 'Ich will nicht mehr Bürger sein von einem kommunistischen Land!' Nein." Er gab sie einfach bei der Fremdenpolizei in Zürich ab – und zwar damals, als er nach unzähligen Aufforderung der Behörden, auszureisen und Jahren des befristeten, immer wieder verlängerten Aufenthalts, 1951 die Niederlassungs- und Arbeitserlaubnis erhielt. Im Schweizerischen Bundesarchiv hatte Markus Blechner die Papiere plötzlich vor sich liegen: "Ich habe die Polizeiakten der Fremdenpolizei eingesehen, von meinen Eltern und anderen Familien. Dort hatte ich die polnischen Pässe gefunden." Dann führte der Zufall Regie.

Markus Blechner, der von 1984-1994 Geschäftsleiter der Schweizer Niederlassung des japanischen Reifenherstellers Bridgestone gewesen war, wurde im Dezember 2003 zu einem Empfang im Hotel Bellevue Palace eingeladen – "anlässlich des Geburtstages des Kaisers von Japan". Da lernte er den Jerzy Margansky kennen, der 2001-2005 Polnischer Botschafter in Bern war (und danach, ab 2013 in Berlin). Sie wurden Freunde. Margansky erklärte ihm später auf Nachfrage, die Blechners seien nie ausgebürgert worden – und sorgte dafür, dass Markus Blechner einen polnischen Pass erhielt. Er selbst hatte sich 1959 mit 18 Jahren einbürgern lassen – und las im Bundesarchiv auch seine Akten: "Das war also ungefähr so wie der Film 'Die Schweizermacher' von [Rolf] Lyssy mit dem Schauspieler von Luzern … Emil." – "Die" seien in die Schule gekommen. "Und zum Beispiel die Nachbarn im Haus, die hat man befragt." Und das Abrechnungs-Büchlein des Milchmanns eingesehen … "Wie ich die Kontakte mit dem Botschafter weiter pflegte, habe ich ihn dann mal gefragt: 'Wie wird man Honorarkonsul?' – Da hat er gesagt: 'Ja, das kann viele Jahre dauern!'" Blechner, der überzeugt war, mit seinen Geschäftskontakten Polen von Nutzen sein zu können (das Land trat 2004 der EU bei), erreichte sein Ziel 2012. Er wurde Polnischer Honorarkonsul in Zürich, mit Büro in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen. Er erklärt lachend: "Sie müssen alles selbst zahlen; Sie kriegen nur den Titel; Sie kriegen eine Fahne; Sie kriegen ein Schild; und Sie kriegen ein Diplom, ein Amtssiegel, und Sie kriegen eine Ernennungsurkunde vom Bundesrat. Der Rest is yours!" Aber er kann das Ehrenamt mit eigenen Projekten und Überlegungen füllen. "Ich kriege kein Gehalt, nicht mal Spesen – nichts, rein nichts. Ich zahle alles selbst." Er ist auch nicht zuständig für Pässe, Beglaubigungen und Visa – das mache der Berufskonsul in Bern. "Ich habe eigentlich nur mehr repräsentative Aufgaben." Bei Staatsbesuchen zum Beispiel. Manche Wirtschaftskontakte kann er schneller herstellen als die Botschaft in Bern. Am Telefon erteilt er Auskünfte. "Ich unterhalte mich mit den Leuten." Und er besucht polnische Häftlinge, die ihren Konsul zu sprechen wünschen. "Meistens können sie Deutsch. Das sind manchmal auch verzweifelte Personen. – Ich spreche kein Polnisch – ein paar Wörter." Schon seine Eltern, die aus München kamen, "konnten selbst kein Polnisch" mehr: "Ich glaube nicht mal meine Großeltern. Denn sie stammen aus Galizien, und das war k. und k.-Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg; das hat ja zu Österreich gehört, dieser Teil von Polen. Sie sprachen Deutsch, vor allem Jiddisch. Jiddisch kann ich sprechen, ja. Da bin ich ziemlich perfekt; schreiben ist schwierig." Dann spielte der Zufall noch einmal Schicksal … Abi Herz, ein Nachbar von Markus Blechner in Zürich, den er "seit 20, 30 Jahren" kennt, "von einer frommen jüdischen Familie", sprach ihn in einer wichtigen Sache an: "Er hat's mir erzählt, weil er gehört hat, dass ich Polnischer Honorarkonsul bin. Sonst wär's nicht dazu gekommen. Er hatte die Verbindung zu Polen erst durch mich. Sonst hätte er mir das nie erzählt …"  

 

III 

 

"Und er erzählte mir vom Großvater seiner Frau, und der hat geheißen: Rebbe Chaim Eiss, und der hat sich beschäftigt mit Hilfsaktionen für jüdische Menschen, vor allem in Polen, in Warschau, die im Ghetto sind, und hat denen geholfen mittels Vermittlung von südamerikanischen Pässen, vor allem Paraguay. – 'Oh', habe ich gesagt, 'ist eine interessante Geschichte, gib mir bitte Dokumente.'"

"Rebbe" wurde Chaim Israel Eiss "aus Ehrfurcht" genannt, erzählt Markus Blechner. Eiss war Kaufmann und besaß an der Müllerstraße 69 in Zürich ein Ladengeschäft – "Bonneterie en gros" – Großhandel für Kurzwaren; der französischen Wortbedeutung nach: Strumpfwaren. Die wenigen biografischen Angaben über ihn stammen aus einem (schweizerisch damals so genannten) "Abhörungsprotokoll" – einem Verhör – des Polizeidienstes der Schweizerischen Bundesanwaltschaft vom 13. Mai 194312. Eiss erklärte, er sei am 16. September 1876 "in Galizien, in Usrzyki", geboren, "und mein Vater war ebenfalls Kaufmann": "Ich habe keine allgemeine Schulbildung gehabt. Schreiben lernte ich dann später selbst. Ich habe auch keinen Beruf erlernt, da mein Vater wünschte, dass ich Rabbiner werden sollte. Aus diesem Grunde habe ich dann nur jüdische religiöse Studien gemacht. Im Jahre 1900 bin ich nach der Schweiz umgezogen, kam nach Zürich, wo ich studieren wollte. Da ich aber über kein Geld verfügte, betätigte ich einen Hausierhandel. Später, im Jahre 1901, erwarb ich mir ein eigenes Geschäft … Mein Geschäft befindet sich an der Müllerstrasse 69 in Zürich. Im Jahre 1916 habe ich mich in Winterthur eingebürgert mit der ganzen Familie."

Der Inspektor der Bundespolizei hatte das Verhör mit der Frage eröffnet: "Wie wir aus guter Quelle wissen, befassen Sie sich mit der Beschaffung von Pässen oder Abschriften davon für ausländische Glaubensgenossen, wie verhält es sich?" Eiss sagte dazu u. a.: "Es ist richtig, dass ich in Verbindung mit dem paraguayanischen Konsulat in Bern durch das polnische Konsulat in Bern insgesamt ca. 20 Briefe nach Polen an Personen vermitteln ließ. In diesen Briefen stand die Bestätigung, dass die betreffende Person, infolge Bemühungen von Verwandten in der Schweiz durch das Konsulat von Paraguay in das paraguayanische Staatsbürgerrecht aufgenommen worden sind. (…) Ihnen allen droht die Gefahr der Ermordung durch die deutschen Vernichtungskommandos. Diese ziehen von Ort zu Ort und ziehen jüdische Familien ein, die dann ohne weiteres Verfahren getötet werden. (…) Das Erlangen dieser Bestätigung oder der Pässe geht so vor sich: Ich wende mich immer an den polnischen Konsul Rokicki, welcher sich dann an den paraguayanischen Konsul Hügli in Bern wendet, der dann diese Papiere ausstellt. (…) Bis jetzt hat die Erfahrung gelehrt, dass Personen, die im Besitz von solchen Papieren waren, in ein Lager nach Vittel (Frankreich) oder in ein Lager in Deutschland kamen, d.h. unter dem Schutz des Roten Kreuzes waren und gerettet waren. Ob sich die Deutschen später einen Austausch mit internierten Deutschen in Paraguay vorstellen, ist vermutlich. Ich bin Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Israel-Weltorganisation. Das ist die israelitische religiöse Weltorganisation (…)."

 

Eiss gab offensichtlich zu niedrig gegriffene Zahlen an. Als die Stadtpolizei am 15. Juni 1943 im Rahmen einer "Postsperre" eine Briefsendung konfiszierte, fielen ihr allein 10 Bogen mit unzähligen aufgenähten Fotos in die Hände – Personen jedes Alters und Geschlechts, die alle auf rettende Pässe gehofft hatten. Alles war vorbereitet, mit Bleistift standen die Namen auf der Rückseite der einzelnen Bilder – aber eben: tragischerweise sollten sie die Papiere wegen der Beschlagnahmung der Fotos nicht mehr bekommen.

 

       

 

       

 

10 Bilderbögen, die hätten Menschenleben retten können – und von der Schweizer Polizei abgefangen wurden. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Signatur E4320B#1990/266#4140* (auf der Rückseite der Bilder sind mit Bleistift die Namen verzeichnet)  

 

Eine Tochter von Chaim Israel Eiss lebte damals mit ihren drei Kindern in Antwerpen versteckt13. Hintergrund des Vorgehens der Schweizer Behörden gegen Eiss war Folgendes: Ein deutscher Spion namens Heinrich Löri, der zu einem in der Schweiz agierenden Ring des deutschen militärischen Geheimdienstes um den Deutschen Josef Miller gehörte, hatte sich in Montreux an den Schweizer Rabbiner Mosche Botschko (1916-2010) herangemacht14. Dieser Ring ging hoch. Löri wurde am 3. April 1943 in Zürich verhaftet. Im Bericht der Schweizerischen Bundespolizei vom 29. April 194315 heißt es: "Nach Angabe des Löri sollen die deutschen Behörden der Auffassung sein, dass Botschko für polnische Juden Pässe anfertige oder sonstwie beschaffe, um dadurch polnischen Juden die Flucht aus Polen zu ermöglichen. Um diesen Machenschaften auf die Spur zu kommen, hätte man unter der Verwendung des Namens Fackler in Krakau, einem Bekannten des Botschko, einen Brief verfasst und diesem Photos von Juden und Filmbilder beigelegt zur Anfertigung von Pässen, mit der Absicht, zu versuchen, von Botschko die Bestätigung für die Annahme der Deutschen zu erlangen. Löri(…) nahm (…) den Auftrag entgegen, Botschko den Brief unter der Vorgabe zu überbringen, er habe ihn von einem Bekannten des Fackler erhalten und unter Umgehung der Zensur nach der Schweiz bringen können, um zu versuchen, von Botschko eine Antwort darauf zu erhalten. Löri führte diesen Auftrag Freitag, den 26.3.43 aus und will sich Botschko gegenüber auf wiederholtes Befragen als Frank, Fritz oder Kurt ausgegeben, aber keine befriedigende Antwort erhalten haben. Er wusste aber dennoch das Vertrauen des Botschko einigermaßen zu erschleichen, da ihm Botschko noch die Adressen von 2 Juden, nämlich Schwarzbaum, Alfred, Avenue Léman 50, Lausanne, und Eiss, Ch. I. [Chaim Israel], Müllerstraße 69, Zürich, übergab, mit dem Ersuchen bei diesen vorzusprechen, da sie ihm vertrauliche Mitteilungen für in Polen ansäßige Verwandte machen wollten.

Löri sprach in der Tat bei Schwarzbaum vor und erhielt nach seinen Aussagen von diesem einige derartige Aufträge, die, wenn er nicht an der Ausführung durch die Verhaftung verhindert worden wäre, offenbar einem oder mehreren Israeliten in Polen den Kopf gekostet hätten. "14 Tage nach diesem Bericht der Bundespolizei vom 24. April 1943 sprach ein Bundespolizei-Inspektor bei Chaim Israel Eiss in Zürich vor: es war der 13. Mai 1943. Der enge chronologische Zusammenhang ist nicht zu übersehen. Unabhängig davon war inzwischen auch der Honorarkonsul Paraguays in Bern, Rudolf Hügli, in Schwierigkeiten geraten. Sein Zürcher Kollege, der Generalkonsul Paraguays, hatte am 4. Januar 1943 ein Verfahren gegen Hügli eröffnet. Es wurde zwar am 4./6. Mai 1943 eingestellt, aber der Weg zu einer Weiterführung der Passaktion war nun versperrt. Hügli hatte dem Untersuchungsrichter erklärt: "Diese Judenverfolgungen begannen bereits meines Erachtens schon vor dem Kriege im Jahre 1936. Ich wurde nun durch Anwälte politisch verfolgter Juden in Deutschland aufgesucht und förmlich bestürmt, ihren Klienten doch Visa nach Paraguay zu erteilen. Ich suchte anfänglich diesem Ansturm zu entgehen, indem ich mich für diese Leute unsichtbar machte. Ich verreiste sogar mehrmals, um Ruhe vor diesen Leuten zu haben. Schließlich ließ ich mich doch dazu verleiten, Visa nach Paraguay an solche Leute zu erteilen. Dabei war ich der Meinung, mein Vorgehen sei rechtlich zulässig, es sei lediglich nicht korrekt der Regierung von Paraguay gegenüber."16

 

Am 9. November 1943 verstarb Chaim Israel Eiss, der im Zentrum dieser Hilfsbestrebungen gestanden hatte, in Zürich an einem Herzschlag. Einem Bericht zufolge, den Dr. Georges Kullmann – Adjunkt des Hochkommissärs für Flüchtlinge beim Völkerbund – im Februar 1944 verfasste, waren etwa 5-10.000 Pässe ausgegeben worden17. Abi Herz, der in Zürich mit der Enkelin von Eiss verheiratet war, erzählte Markus Blechner, ihr Sohn habe, als er nach Israel zog, das Archiv von Chaim Israel Eiss mit nach Jerusalem genommen.Abi Herz verschaffte Markus Blechner aber Einblick in einzelne Dokumente. Markus Blechner: "Er hat mir dann immer ein bisschen Material gegeben: Fotokopien, die er bekommen hat von [aus] Israel." Aus den Briefen im Eiss-Archiv ging für Markus Blechner deutlich hervor, dass neben Eiss und dem Polnischen Konsul Rokicki in Bern eine dritte Person eine große Rolle spielte: Julius Kühl, Botschaftsassistent für "jüdische Angelegenheiten", wie Kühl in seinen Memoiren für den engeren Familienkreis schrieb18. Die Dokumente weckten bei Markus Blechner Kindheitserinnerungen – sein Vater, Jakob Blechner, hatte Julius Kühl gekannt: "Weil ich das in den Dokumenten gelesen habe, die mir der Herz gegeben hat: das sind Briefe von Rabbiner Eiss an Herrn Kühl, meistens in Hebräisch." Plötzlich wurde ihm klar: "Das ist dieser Kühl, der an meiner Bar-Mizwa war, und ich war als Kind mit meinem Vater bei ihm in Bern! Das habe ich zusammen [gebracht]: das ist der gleiche Kühl. Ich habe gewusst: Der Kühl hat 'gearbeitet'; aber ich habe nie gewusst, dass er mit Pässen zu tun hat. Ich habe dann noch mehr herausgefunden. Mein Vater war auch involviert in den Pässen. Und das wusste niemand. Das wusste ich nicht. Mein Vater hat auf Anfrage finanziert und bezahlt: 750 Franken! Für einen paraguayanischen Pass – über Kühl, über die Legation [Polnische Botschaft] in Bern – für einen im Untergrund Lebenden in Warschau hat er das bezahlt. Das hat der [polnische] Botschafter [Jakub Kumoch] in Archiven in Israel gefunden. Mein Vater hat von dem nie gesprochen."

2016 war Jakub Kumoch als neuer Polnischer Botschafter in die Schweiz gekommen. Markus Blechner: "Und dann hat der Botschafter gesagt: 'Herr Blechner, wir müssen da vertieft reingehen.' Das war jetzt genau vor zwei Jahren – im Sommer [2017]. "Und er sagte: 'Herr Blechner, gehen Sie nach Jerusalem, eventuell komme ich sogar mit.' Er konnte dann nicht, aber seine Frau ist mit mir und zwei Journalisten aus Polen nach Jerusalem gefahren." In der Wohnung des Sohnes von Herrn und Frau Herz durften sie das Eiss-Archiv sehen: "Teils war's in Kartons, teils war's schon sortiert – weil … die Familie Herz wollte eigentlich ein Buch schreiben über die ganze Geschichte. Aber geh hin und schreib ein Buch! Ein Buch schreiben kostet Geld, da musst du jemanden haben …" Schließlich gelang über Markus Blechner der Ankauf für das Auschwitz Museum. Die Übergabe erfolgte in Zürich am 7. August 2018 – im Konferenzzimmer von Honorarkonsul Blechner an der Stadelhoferstraße, direkt hinter dem "Baumwollhof", in dem einst der legendäre Zürcher Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum und seine Frau, die Schriftstellerin Aline Valangin, ihren Salon hatten, in dem nach 1933 viele Emigranten Aufnahme gefunden hatten … 

 

Chronik der weiteren Ereignisse:

- Am 28. September 2018 wurde das Eiss-Archiv in der Polnischen Botschaft in Bern erstmals ausgestellt; der Polnische Kulturminister Piotr Tadeusz Glinski verlieh bei dieser Feier Markus Blechner einen Orden;

- vom 27. September bis 7. Oktober 2018 wurde das Eiss-Archiv im Polenmuseum in Rapperswil gezeigt;

- am 9. Oktober 2018 erhielt der Polnische Konsul Konstanty Rokicki, der in der Rettungsaktion mit den Pässen maßgebend eingebunden war, in Anwesenheit des Polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda auf dem Friedhof Friedental in Luzern einen Grabstein und eine offizielle Ehrung;

- am 16. Dezember 2018 wurde das Eiss-Archiv in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) vorgestellt;

- vom 24. Januar bis 1. Februar 2019 war es an der UNO in Genf (Palais des Nations) zu sehen, unter dem Titel "Passports for Life";- im Februar 2019 wurde das Eiss-Archiv im Präsidentenpalast in Warschau gezeigt; der Polnische Staatspräsident Andrzej Duda hielt eine Ansprache;

- seither befindet sich der Eiss-Nachlass im Auschwitz Museum und wird dort wissenschaftlich aufgearbeitet;

- Januar 2019: Dokumentarfilm von Robert Kaczmarek: "Passports to Paraguay"; er wird seither weltweit aufgeführt – und ist auf YouTube zu sehen.

 

Weiterführende Literatur:

 

- Zur Geschichte der Familie Blechner: "Ich lebe! Das ist ein Wunder. Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust" (unter Mitarbeit von Michael Brenner, Anthony Blechner, Stefanie Lenz, Doris Seidel, Alexa-Romana Hoffmann, Diana-Patricia Hoffmann, Edith Koller, Lisa Mayerhofer, Evelyn Safian und Utta Bach), herausgegeben vom Stadtarchiv München, München 2001; zwei andere Onkel von Markus Blechner überlebten im Exil: der jüngste der vier Blechner-Brüder, Leon (geboren 1916) konnte am 23. März 1938 in Hamburg auf der "Washington" einschiffen; am 1. April 1938 traf er in New York ein (S. 179); Oskar Blechner (geboren 1911) fand nach einer langen Irrfahrt Aufnahme in England; er war einer der Passagiere auf dem Schiff St. Louis, das am 13. Mai 1939 in Hamburg ablegte, aber nach der Atlantiküberquerung sowohl vor Kuba wie vor der Küste abgewiesen wurde und am 6. Juni 1939 nach Europa umkehren musste (S. 117ff).

 

- zu den Rettungsanstrengungen in der Schweiz für die Verfolgten: Joseph Friedenson/ David Kranzler, Heroine of Rescue. The incredible story of Recha Sternbuch who saved thousands from the Holocaust, New York 1984; Jacques Picard, Die Schweiz und die Juden 1933-1945: Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994;

 

- zur Lage in Warschau: Hillel Seidman, Du fond de l'abîme. Journal du ghetto de Varsovie, Paris 1998;

 

- zum Paraguayischen Honorarkonsul Rudolf Hügli, zu Julius Kühl und anderen Helfern und Helferinnen sowie zum deutschen Agentenring: siehe, vom Verfasser, im Magazin der Basler Zeitung, 24. April 1999: "Der Verrat von Vittel. Wie fiktive Pässe aus Übersee hätten vor der Deportation retten sollen"; die Vorgänge hat der Verfasser 2010 in seinem Roman "Geheime Agentin" geschildert (BasisDruck Verlag, Berlin, 2010; umfangreiche historische Anmerkungen dazu auf geheimeagentin.de.

 

- zu Chaim Israel Eiss: Der israelische Historiker Chaim Shalem verfasste 2005 einen umfangreichen Artikel über Chaim Israel Eiss: "Remember, there are not many Eisses now in the Swiss market": Assistance and Rescue Endeavors of Chaim Yisrael Eiss in Switzerland, in: Yad Vashem Studies, Nr. 33, Jerusalem 2005, S. 347-379.

 


 

  1 Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust, S. 98.
  1a Mündliche Auskunft von Honorarkonsul Markus Blechner, Zürich.
  2 Schicksal einer Münchner Familie, S. 56, 158.
  3 Digitale Aktensammlung Bad Arolsen/Hessen: "Arolsen Archives. International Center on Nazi Persecution" – Nachfolgeorganisation des "Internationalen Suchdienstes"/"International Tracing Service".
  4 Schicksal einer Münchner Familie, S. 60f.
  5 ebd. S. 60f.
  6 ebd. S. 57.
  7 ebd. S. 162.
  8 ebd. S. 82.
  9 Präsentation von Markus Blechners Cousin Mark Blechner, Boston, an der UN in New York 2015 anlässlich von Yom Hashoah (Holocaust Remembrance Day).
10 Frankfurt am M., 1981, S. 93. (amerikanische Ausgabe: "Less Than Slaves. Jewis Forces Labor and the Quest for Compensation, Harvard University Press 1979).
11 Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust, S. 57, 163 und 175.
11a "Ich lebe! Das ist ein Wunder", München 2001, S. 102.
12 Schweizerisches Bundesarchiv, Bundesanwaltschafts-Dossier Rudolf Hügli (geb. 1872), Signatur: E4320B#1990/266#4140*.
13 Chaim Schalem, "Remember, there are not many Eisses now in the Swiss market": Assistance and Rescue Endeavors of Chaim Yisrael Eiss in Switzerland. In: Yad Vashem Studies, Nr. 33, Jerusalem 2005. - S. 373, Anm. 94.
14 Schweizerisches Bundesarchiv, Dossier Josef Miller, Signatur E4320B#1987/187#1820* sowie E4320B#1987/187#1821*.
15 S. 44f.
16 Gaston Haas, "Wenn man gewusst hätte, was sich drüben im Reich abspielte …". 1941-1943. Was man in der Schweiz von der Judenvernichtung wusste, Basel 1994, S. 109f.
17 Chaim Shalem, "Remember, there are not many Eisses", S. 376.
18 Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, ETHZ, S. 25.

 

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