"In der Kultur kommt es nicht auf die grossen Kontraste, sondern auf die Nuancen an."

 

(Walter Benjamin, Passagen-Werk, S. 1026)

 

 

 


 

 

 

"Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch, und es ist lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken. Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, dass es beim Widerspruch nicht sein Bewenden haben kann und dass derselbe sich selbst aufhebt."

 

(G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, S. 247)

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ... – ein Blog

(von Peter Kamber)

 

 

 

von Peter Kamber (23.9.2019)

 

 

"Wer?" – "Wir!" – "Wann?" – "Jetzt!" steht am 17.9.2019 als Kunstaktion ganz klein in weißer Schrift auf dem Asphalt des Radschnellweges durch den Park am Gleisdreieck gesprayt.


Das Besondere ist: "Wir" verstehen sofort.


Geht ein Ruck durch die Welt oder kippt sie in den Abgrund – oder so ähnlich.

 

Geschichte macht gelegentlich Sprünge, im Guten wie im Schlechten, vor aller Augen oder unbemerkt. Es gibt Jahre, die erst im Abstand als zeitlicher Einschnitt zu erkennen sind. Gehört das Jahr 2019 dazu? Am Internationalen Literaturfestival Berlin, von einigen liebevoll nur mit den Anfangsbuchstaben "i"-"l"-"b" genannt, müssten Anzeichen dafür zu finden sein. Denke ich.


Der 1949 in der Nähe von Beirut geborene französische Schriftsteller Amin Maalouf stellt am 16.9.2019 seinen Buchessay "Le naufrage de la civilisation" ("Schiffbruch der Zivilisation") vor. Es sei ein "trostloses Paradox", dass wir zwar die Mittel hätten, den weltweiten Überfluss zu teilen, aber "in entgegengesetzter Richtung" rasen; "lang" sei "die Liste" der Dinge, die gestern noch die Leute zum Träumen brachte, doch sei eine "Maschinerie am Werk, die niemand willentlich in Gang" gesetzt habe, und die zerstörerische "Verwerfungen", "Wirren", "Erschütterungen" produziere. "Wie ist es so weit gekommen? Welche Abzweigung hätte 'man' nicht nehmen sollen?", fragt sich Maalouf, der der französischen Académie angehört und mit seinem Appell wie aus der Zeit herausgefallen zu sein scheint: es gebe eine "Mission der Literatur" – für "Klarsicht, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit" zu sorgen; es brauche "Seelenstärke", den "Schiffbruch" zu vermeiden, sagt er, und ich befürchte, das Publikum im Saal weiß entweder nicht mehr, was darunter zu verstehen ist, oder bezweifelt, dass das reiche. Warmen Applaus erhält er erst, als er sagt, es gebe keine andere Wahl als vertiefte Anstrengung, um wieder zu lernen, miteinander zu leben. Im mörderischen Bürgerkrieg von Libanon (1975-1990) hat er gelernt, was das heißt.

 

Spiralwirkung

 

Der deutsche Romanautor Sherko Fatah ("Schwarzer September", Luchterhand 2019) erinnert am 16.9.2019 daran, wie – von vielen längst vergessen –  dem libanesischen Bürgerkrieg der jordanische vorausging: der sogenannte "Schwarze September" im Jahre 1970, einer Spätfolge des "Sechstagekriegs" 1967.

 

Die blutige Auseinandersetzung im September 1970 in Jordanien hatte mit der sukzessiven Bewaffnung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) begonnen und führte nach dem Attentat einer palästinensischen Splittergruppe auf den jordanischen König zur militärischen Vertreibung PLO. Deren Führung ging nach Beirut ... die Spirale des ungelöste Nahost-Konflikts drehte sich im Libanon weiter.

 

Als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen war Sherko Fatah auch in der Lage, Quellen in arabischer Sprache – nach genauer Überprüfung, wie er betont, zu verwenden. Der Roman setzt mit dem archaisch wirkenden Rache-Attentat einer palästinensischen Terrororganisation ein. Sherko Fatah hat nichts, was vorfiel, erfunden. "Es hätte keinen Sinn gehabt, etwas zu fiktionalisieren, das so stark dokumentiert ist."

 

Vielleicht sei es schwer zu ertragen, dass er "Extremisten eine Stimme" gebe: "Doch sind diese Geschichten passiert – und es muss einen Grund geben: es ist eine Art archäologische Arbeit." Der Roman handelt auch von den Deutschen, die sich in Camps in Yemen an Waffen ausbilden ließen ... mit den bekannten Folgen. Sherko Fatah sagt: Wer "mit einer Italo-Western"-Haltung ankomme, werde "Opfer von Interessen". Der östliche Mittelmeerraum komme uns in Berlin "weit weg" vor, dabei gehörten wir zu einem "einzigen Kulturraum".

 

Sein Roman beleuchtet die "säkulare Phase" im Nahen Osten und schildert, wie aus einem "Akteur" der einen "Runde", jener der "nächsten Runde" wird. Die schiitische Amal-Miliz im Libanon mutierte nach der Iranischen Revolution 1978 allmählich zur Hizbollah und erhielt ... 1982 die schweren Waffen der PLO, die durch den Einmarsch der Israelischen Armee einmahl mehr zum Auszug aus einem Land gezwungen worden war. Sherko Fatah, der milder Stimme spricht und als undogmatischer Beobachter wirkt, erklärt in Berlin: "Es bedarf schon der Bereitschaft, Kompromisse einzugehen." Aber "im Augenblick" sehe es "nicht danach aus, als würde jemand eine Lösung suchen".

 

Das Gewicht der Geschichte

 

Die Lernkurve der Menschheit: steigt sie steil an oder fällt sie ab? Der indische Autor und Politiker Shashi Tharoor unterstrich am 14.9.2019 im Festival-Themen-Spezialreihe zur Entkolonialisierung der Welten ("Decolonizing Worlds"), wie viele der gegenwärtigen und zukünftigen Konflikte der Welt auf das Zeitalter von Kolonisierung und Imperialismus zurückgehen, unter anderem auf die Berliner Kongo-Konferenz von 1884, die willkürlich die Grenzen eines ganzen Kontinents zog. Zur Möglichkeit, auf dem Umweg über die Vergangenheit die Zukunft zu lesen, prägte Tharoor den One-liner: "The best crystal ball is the rear mirror" ("Die beste Kristallkugel ist der Rückspiegel"). Ausdrucksstark rief er dazu auf: "Teach your children: you need to know your own history."


Natur

 

So scheint es auch einsichtig, dass Naturbeschreibung in diesen Zeiten weit mehr zu sein hat als Blümchenzählen, Einüben ins Erkennen von Vogelstimmen und sprachliches Botanisieren. Der Brite Robert Macfarlane verdeutlicht, dass es ein gründliches Missverständnis wäre, im "Nature writing" ein Beschreibung der Natur ohne Menschen zu sehen: "My book is full of people", erklärt er dem Publikum und pries vor dem Publikum Theodor Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1862). Macfarlane ist Sohn eines Arztes in einer Kohlenminen-Region, spielte als Kind ahnungslos mit Röntgenbildern und durchdrang für sein neues Buch die Oberfläche des Sichtbaren. Es trägt den Titel "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde" (Matthes & Seitz 2019). "Wir wissen so wenig über die Welt unter unseren Füßen", so beginnt er das Buch – und begibt sich auf "Fahrten in die Dunkelheit", eine "Reise durch die Erdgeschichte" (S. 29). Seit "nunmehr fünfzehn Jahren" schreibe er "über die Beziehungen zwischen Landschaften und dem Inneren des Menschen". Seine Erkundungen wollte er auf Höhlen, Katakomben von Großstädten und die Tiefen des abschmelzenden Grönland-Eises ausweiten – und auf eine Insel im Südwesten Finnlands, wo gerade eine Grabkammer für hochradioaktive Abfälle im Bau ist. Er kann nicht glauben, dass so ein Ort die Zeitalter überdauert: "Vor 10.000 Jahren flossen drei große Flusssysteme durch die Sahara. Vor 100.000 Jahren begann der anatomisch moderne Mensch seinen Auszug aus Afrika." Es gelte, "die Zeit zu lesen", erklärte Macfarlane in Berlin, und eine Grammatik der Sprache zu überwinden, die die Natur instrumentalisiere, dabei aber "die Träume" nicht zu verlieren: "We do not save what we do not love and not know."

 

Literaturen

 

Die internationale Literaturproduktion neigt nicht zur Düsterkeit, aber deutlich zum Realismus. Das (im Sinne Amin Maaloufs klares) Bewusstsein, in einer Umbruchszeit leben, die keinen Kontinent unberührt lässt und jeden und jede herausfordert, findet sich auch in zwei dieses Jahr erschienenen Überblicksbüchern, die uns die Literaturen Lateinamerikas und des Orients näher bringen. In beiden Fällen handelt es sich um die Summe lebenslanger Erfahrungen.

 

Stefan Weidner ("1001 Buch: Die Literaturen des Orient"; edition converso 2019) erzählt am 15.9.2019 dem Publikum: "In meiner Jugend war ich etwas gelangweilt und genervt – hatte gewisse Fluchtphantasien und begann mich für fremde Sprachen zu interessieren." Schon als 15-Jähriger belegte er an der Volkhochschule einen Arabischkurs, und während des Studiums wurde er in Köln durch Exil-irakische Mitstudiernende "in die lebendige arabische Literatur eingeführt". Weidner präzisiert, arabische Autoren und Autorinnen würden die übrige Welt sehr viel genauer kennen und studieren als umgekehrt. Schon im Mittelalter hat Ibn Battuta (1304–1368/1369), ein marokkanischen Berber und Muslim Zentral-, Südwest- und Südasien bereist und kam bis nach China. (Sein ethnografisches Werk trägt in der englischen Übersetzung sinnigerweise den Titel "A Gift to Those Who Contemplate the Wonders of Cities and the Marvels of Traveling".) Der alte "Orient" – mit seiner persischen, arabischen und türkischen Sprache – war stets ein polikultureller Raum mit "sehr verschiedenen Prägungen", schildert Stefan Weidner. Darin liege ein "utopisches Potential, und er zitiert dabei den im Jahr 777 in Irak geborenen Autor al-Dschāhiz, der in seinem "Buch der Tiere" in einer emphatischen Aufzählung alle Vorzüge des Mediums Buches aufführte, die sich denken ließen, u.a. dass ein Buch langlebiger als Architektur sei, es "deine Zunge" löse und du aus ihm "in einem Monat" mehr lernest als "durch den Mund anderer in einer Generation". Die arabische Literatur unter "Blumigkeit" zusammenzufassen hält Weidner übrigens  für "Unsinn" und "Unfug" (der auf Herder zurückgehe) und trägt wie zum Beweis ihrer gedanklichen Kraft von der Dichterin und Mystikerin Rabia von Basra, die ebenfalls im 8. Jahrhundert lebte, ein Kurzgedicht vor: "Behalte den Flug im Gedächtnis / Der Vogel ist sterblich."


In ganz ähnlich umfassender und faszinierender Weise beschreibt die Autorin und Literaturvermittlerin Michi Strausfeld am 15.9.2019 die lateinamerikanische Literatur. Ihr Buch "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren" (S. Fischer 2019) ist voll eindrücklicher Zitate und "eine Art Lebensbilanz", gibt sie zu. Denn sie die großen, legendären Namen aus zahlreichen persönlichen Begegnungen schildern. Auf dem "Kontinent der Diktaturen", sagt Michi Strausfeld, habe die Literatur die Wirklichkeit stets genauer beschrieben als die Politik es wünschte und so ein Gegengewicht geschaffen. Selbst Gabriel Márquez, Hauptvertreter des "Magischen Realismus" (auf den die "gelben Schmetterlinge" zurückgehen) erklärte, es gebe in seinen Büchern "keine Zeile, die nicht auf der Wirklichkeit" beruhe.

 

Heute seien "die Drogenbarone die neuen Kriegsherren", die "eigentlichen Herrscher ganzer Regionen", denn die Ausfuhr von Drogen in die USA gehe einheir mit der Einfuhr von Waffen aus eben diesem Land. Durch die "violencia" – die Atmosphäre allgemeiner Gewalttätigkeit mit einer unvorstellbaren Zahl von Morden vor allem an jungen Frauen – und die Unsummen von Geld rund um die Drogen, die den Staat korrumpierten, sei die lateinamerikanische Gesellschaft "an den Abgrund geführt" worden. Hinzu komme, wie in Venezuela und Nicaragua eigenes "Verschulden" der Politik. Der Vertreter und Vertreterinnen seien "nicht in der Lage, die Dämonen der Macht, über die Gabriel Márquez immer geschrieben hat, zu bändigen".

 

Auf die Frage des Moderators Peter Frey, "welches Buch Sie der Kanzlerin" vor deren nächsten Reise nach Lateinamerika zu lesen empfehlen würde, antwortet Michi Strausfeld:

– "Nur eines?"

Dann nennt sie den Roman "Die Verschwundenen" des 1976 geborenen mexikanischen Autors Antonio Ortuño (Verlag Antje Kunstmann, 2019) sowie die Sammlung von "Crónicas" der Autorin Leila Guerriero, die ihr unter dem Titel "strange fruit" (Ullstein) schon 2014 in Deutsch erschienen ist und von Leila Guerriero am 12.9.2019 dem Festival-Publikum auch persönlich vorgestellt wurde, zusammen mit dem neuesten Werk der Autorin, einem noch nicht übersetzten literarischen Porträt des Pianisten Bruno Gelber ("Opus Gelber. Retrato de un pianista").

 

Unter diesen in Lateinamerika ungemein erfolgreichen "Chroniken" werden 10-15 seitige nicht-fiktionale Zeitschriftentexte verstanden, die aber mit literarischen Mitteln verfasst werden und ein realistisches "Spiegelbild" der lateinamerikanischen Wirklichkeit liefern, erklärt Michi Strausfeld.

 

An solche "Crónicas" knüpft auch das von brutalen Jugendbanden in El Salvador handelnde Buch "Man nannte ihn El Niño de Hollywood" an  (Verlag Antje Kunstmann 2019), das Óscar Martínez – der für die digitale Zeitung www.elfaro.net arbeitet – mit seinem Bruder Juan José veröffentlicht hat.

 

"Mittelamerika ist eine gescheiterte Region", erklärt Óscar Martínez am 16.9.2019 in Berlin. Der Bürgerkrieg 1980-1991, der 70.000 Menschenleben kostete, und schon vorher der Putsch von 1954 gegen den rechtmäßigen Präsidenten und Landreformer Jacobo Árbenz Guzman seien Teil des Kalten Krieges gewesen, und die heutigen Banden, die sogenannten Maras, "Ausdruck eines Kapitels, das nie beendet wurde".

 

Rekrutiert würden arme, elternlose oder vernachlässigte oder im Müll lebende Kinder im Alter von 9-14, die in den den Banden ihre "Familie" und "einen Grund zum Weiterleben" sehen – und dann plötzlich "das Sagen haben", "Anerkennung" finden, "jemand" sind. Ihren Ursprung hatten die Banden in Kalifornien, wohin viele aus El Salvador oder Guatemala und Honduras auf der Flucht vor den Diktatoren emigrierten, dann aber nach 1992 wieder nach Mittelamerika zurückgeführt wurden, vor allem wenn sie straffällig gewordenen waren. Die abgeschobenen Jugendlichen rissen vor Ort das Geschäft um Drogen, illegale Waffen sowie Prostitution an sich und reproduzierten die US-Gangstrukturen in noch viel grausamerer Form.

 

Der Fall Argentinien

 

Aber auch in Südamerika ist die Lage besorgniserregend. Alan Pauls ("Die Geschichte des Geldes", Klett-Cotta 2016) und Claudia Piñeiro ("Die Privatsekretärin", Unionsverlag 2018), beide aus Argentinien, debattieren am 15.9.2019 in der Literaturfestival-Reihe "Reflections" über die Wiederkehr der Inflation in ihrem Land, die Morde an Frauen und die Versuche rechtsgerichteter Kreise, die Abtreibungsgesetzgebung zu verschärfen. So sollte eine Frau, die einen Spontanabort hatte, zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt werden. "Etwas Neues" ereignete sich, sagt Claudia Piñeiro, die Stimme von Schriftstellerinnen werde wieder vermehrt gehört.

 

Claudia Piñeiro, die in ihrem Thriller die Korruption durch die Machteliten thematisiert, hat die Umfragezahlen präsent, die den großen Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Politik anzeigen.

 

Alan Pauls erklärt, Geld sei stets eine Vertrauenssache: "En Argentina, no confiamos." ("In Argentinien haben wir aufgehört, zu vertrauen.")

 

Argentinien habe lange ein in den 1930er Jahren geprägtes Bild gepflegt, eigentlich ein europäisches Land zu sein. Mit diesem Selbstverständnis sei es seit den 1990er Jahren vorbeit: "Argentinien ist kein europäisches Land, sondern ein lateinamerikanisches wie jedes andere." Diese Einsicht sei zwar wichtig, um im Dialog unter den Ländern des Kontinents Lösungen zu suchen, aber Argentinien habe sehr viele dumme Fehler begangen. Sein Roman "Die Geschichte des Geldes" ist eine sehr persönliche Erinnerungssuche über Inflationsgeld, zwielichtiges, ererbtes und wieder verlorenes Geld in der erweiterten eigenen Familie.

 

Alan Pauls wirkt wie ein Vertreter des späten französischen Nouveau Roman, da er die Handlungsbögen, die anderere hervorstreichen würden, in einer langsamen Folge hochauflöslicher szenischer Bilder lieber verschwinden lässt. Ein seltsamer Effekt ergibt sich durch die Übertragung ins Deutsche: Während seine langen, durch vielerlei Gedankeneinschübe nach allen Richtungen offenen Sätze im Spanischen strikt aufeinanderfolgen und wie ein Bewusstseinsstrom ungebrochen vorwärtstreiben, verwandelt sich der Text im Deutschen, wo das Verb oft vom Subjekt und Objekt getrennt erst ein paar Zeilen später auftaucht, in ein viel komplexeres literarisches Gebilde – und klingt wie Kleist.

 

Als ich ihm diesen Eindruck schildere (weil "Die Geschichte des Geldes" seit einem Jahr zum Spanischlernen im Original und in Übersetzung lese), freut er sich aber nur: Er verehre Kleist ... 

 

Wann wird Populismus präfaschistisch?

 

Durch autoritäre Regierungen beherrscht und schließlich durch Diktatoren zugrunde gerichtet wurde 1918-1945 auch Europa. Die italienische Romanautorin Michela Murgia landete 2018 mit ihrer kurzen beißenden Satire "Istruzioni per diventar Fascisti" (deutsch: "Faschist werden. Eine Anleitung"; Wagenbach 2019) einen Riesenerfolg. Auch am Literaturfestival Berlin wird nirgends so gelacht wie bei ihrem Auftritt am 17.9.2019, wenn sie populistische Leitsätze und Reden zerpflückt und sich offen wundert, warum etwa mit "plattmachen" eine Metapher aus dem Straßenbau eine solche Verbreitung finde.

 

Schon im Sprachgebrauch erfolge bei Populisten und Populistinnen jedweden Lagers eine Verwandlung des Gegners oder der Gegnerin, die es rechtmäßigerweise in einer Demokratie geben müsse, in einen Feind oder eine Feindin. Die Methode sei der Entzug der Legitimation. Das sei "präfaschistisch", mahnt sie vor dem Berliner Publikum; der Respekt oder die noble Achtung vor anderen Meinungen schwinde.

 

"Demokratie bemisst sich daran, wie mit abweichenden Meinungen umgegangen wird", mahnt Michela Murgia und zeigt auf, wie der Populismus das Wort Volk ("popolo") zwar ständig im Mund führe, dabei aber nur die jeweils eigenen Leute meine. Ein superreicher Populist wie Berlusconi habe sich seinerzeit einen gelben Helm aufgesetzt und bei Fabrikbesuchen behauptet, er sei auch ein Arbeiter.

 

Michela Murgia kann spöttisch erzählen, ohne je verletzend zu werden. Ihr eigener Zeitungshändler habe damals durchblicken lassen, dass er Berlusconi wählte: "Berlusconi ist auch ein Unternehmer wie ich", erklärte er. Sie, die mit ihrem ganzen Körper spricht, lehnt sich zurück und der Saal ertrinkt in Lachen. Michela Murgias analytischen Kategorien und ethischen Grundvoraussetzungen sind stets transparent. "Volksnahe" Politik hingegen, sagt sie, gehe vom gemeinsamen Leben aller und von der Wirkung der Politik auf alle aus. Im Übrigen komme auf die Taten an, nicht darauf, was eine Person glaube oder zu glauben meint.

 

Aus dem Publikum gefragt, wie es um die Frauen stehe, legt sie dar, dass Populisten (und sie meint Männer) die Frau eher als "Beleuchtungseinrichtung für den Mann" erblicken und vorzugsweise von "Müttern" reden würden, und nicht von Frauen. "Faschismus beruht immer auf dem Gesetz der Väter", sagt sie, und sehe die Frau nur in zwei Funktionen: als Gattin und Mutter. Es gebe viel zu wenig Kita-Plätze und die Erwerbsquote der Frauen sei tief, vor allem im Süden. "Eine Frau in Italien muss entweder bereit sein zu einem ständigen Kampf oder einem dauernden Martyrium."

 

So überzeugend sie mit ihrer eigenen Stimme im Saal ist, ihre 109-seitige Satire, in der nur ihr faschistischer Einpeitscher redet, wirkt von Seite 40 an leider nicht mehr – vor allem weil jede Handlungsebene, in der er sich selbst diskreditieren würde, fehlt. Der fiktive Faschist setzt mit der Auswertung des Fragebogens am Schluss sogar noch einen Anreiz, ihm nachzueifern: "Präfaschist" darf sich nennen, wer 16-25 Punkte erziehlt; 26-35 Punkten führen zur Kategorie "Ich bin kein Faschist, aber ..."; bei 36 und 50 Punkten "sind die Worte nicht länger dein einziges Kampfwerkzeug", und beim Maximum von 51 bis 65 Punkten heißt es: "Du hast bereits allen demokratischen Ballast abgeworfen (...)". Was am Ende zurückbleibt, ist nur der Spott des "Faschisten" über die Demokratie. Ohne es zu wollen verstößt Michela Murgia damit gegen den eigenen Grundsatz, dass es vor allem darauf ankommt, was eine Person tut.

 

Unfreiwillig liefert sie den Beweis, dass mit Polit-Cabaret der populistischen Tendenz nach Rechtsaußen nicht beizukommen ist, sondern diese im Gegenteil nach den seltsamen Gesetzen der Herstellung medialer Aufmerksamkeit noch verstärkt. Die Rechnung, dass sich die Scheinlogik des "Faschisten" selbst wiederlegt, geht bedauerlicherweise nicht auf, vor allem in der Gewaltfrage (S. 54) wird es brenzlig, und wo es um Antisemitismus geht (S. 87) überschreitet sie eine rote Linie. Im Nachwort, das die Überschrift "Um Missverständnisse zu vermeiden" trägt, schreibt sie, sie habe auch zu zeigen versucht, "wie viel Faschismus in denjenigen steckt, die sich für antifaschistisch halten" (S. 107), doch eine Analyse des Faschismus greift zu kurz, wenn sie alle Populismen, jede Form von ideologischer Intoleranz, politischer Hörigkeit und Gewaltbereitschaft dazu zählt. In der Danksagung erwähnt sie "die unbeugsame demokratische Erziehung", die ihre Mutter ihr zuteil werden ließ. Doch was, wenn mit dieser alles steht oder fällt?

 

Stil und Macht der Fiktion

 

Die junge kanadische Autorin Esi Edugyan, die am 13.9.2019 auftritt, versteht sich entschieden als Fiction-Autorin. Für ihren Roman "Washington Black" (eichborn, 2019), der 2018 das Lieblingsbuch von Barack Obama war und die Geschichte eines nicht entlaufenen, sondern entflogenen Sklaven im Stil des "Steam-Punk" beschreibt, recherchierte sie eingehend auf der (nordöstlich von Venezuela gelegenen) karibischen Insel Barbados. Was die Bestrafung der Sklaven betrifft, habe sie nichts erfinden wollen. Den Roman, der um 1830 spielt, verfasste sie aus der Perspektive des jungen Titelhelden, der als Sklave geboren wird, aber von einer durch die Kenntnis von Beschwörungsfomeln ebenso gefürchteten wie geachteten älteren Mitsklavin beschützt wird, die einst in Afrika geraubt und über den Atlantik verschleppt worden war, aber darum die "Freiheit" noch kannte und sie dem jungen Schützling als Verheißung lebendig vor Augen hält. Einen Bruder des grausamen Plantagenbesitzers zeichnet Esi Edugyan nota bene als "progressiv" – mit dem Wunsch, Erfinder zu werden. Nur soviel: Washington Black wird sein junger Diener. Diese (phantastischen) wissenschaftlichen Kapitel habe sie sehr gern geschrieben Ein Teil der Freude sei, dass sie jeweils nicht genau wisse, wohin sie das Schreiben führe. 


Ebenfalls einen fiktionalen Zugang zur Vergangenheit wählte der junge französische Autor David Diop (15.9.2019) für seinen Roman "Nachts ist unser Blut schwarz" (Aufbau, 2019) über einen senegalesischen Teilnehmer des Ersten Weltkrieges – als Frankreich wohlgemerkt noch ein Kolonialreich war und die französische Militärführung, um die deutschen Feinde in Schrecken zu versetzen, die Soldaten aus Senegal mit Macheten ausrüstete. Das sei tatsächlich geschehen, und zwar um rassistische Klischees zu instrumentalisieren.

 

Diop nun wollte, um die nachwirkenden Vorurteile gegenüber Schwarzen als angeblichen Wilden zu entkräften, "bis ans Ende dieser Komödie" gehen und benutzte dafür den afrikanischen Mythos des "Seelenfressers", der "direkt aus dem Busch" komme. So kontrastiert Diop das historische Zerrbild des schwarzen Soldaten mit dem tatsächlich "unmenschlichen", "völlig unzivilisierten" industriellen Krieges des Granathagels in den Schützengräben. Als die Hauptfigur, dazu übergeht, den im Nahkampf getöteten deutschen Soldaten zum Beweis eine Hand abzuhacken und vorzuzeigen, beschleicht seine französischen Kameraden ein wachsendes Grauen. Erst halten sie ihn für einen Verrückten, dann aber für einen "Hexersoldaten", der Feinde und Freunde "von innen auffrisst".

 

Einen sehr poetischen Zugang zur afrikanischen Wirklichkeit fand der 1966 geborene kongolesische Jurist und Schriftsteller Alain Mabanckou, der auf Französisch schreibt und nach langen Jahren in Paris heute in Santa Monica/Kalifornien lebt. "Aucune langue le monopole de la littérature" – "Keine Sprache hat ein Monopol auf die Literatur", erklärt Mabackou am 17.9.2019 in gelöster, stets zu einem Scherz bereiten Stimmung. Er selbst spreche sieben mündliche afrikanische Sprache, für die es keine Wörterbücher gebe, und als kleines Kind glaubte er, auch Französisch sei nur ein gesprochenes Idiom, eines irgendwo "aus dem Norden". Erst bei der Einschulung mit 6 Jahren "begann es kompliziert zu werden", sagt er und definiert Humor später in der Diskussion als eine Art und Weise ("façon"), über die schwerwiegensten Dinge ("les choses les plus graves") so zu reden, dass es sie nicht schwerer macht.

 

In Deutsch erschienen sind von Alain Mabanckou bisher "Zerbrochenes Glas" (2015), "Morgen werde ich zwanzig" (2015), "Die Lichter von Pointe-Noire" (2017) und "Petit Pimant" (2019; alle beim Verlag Liebeskind, München).

 

"Mes livres sont plus parlés que écrit" ("mehr gesprochen als geschrieben"), behauptet er und untertreibt natürlich. Dennoch hält er daran fest, eine Sprache müsse "spazieren" – es sei wichtig, sie "atmen zu lassen". Einen "Plan" mache er nicht, wenn er ein Buch beginne, sondern lausche "auf eine innere Stimme" ("j'écoute une voie intérieure"). Es sei ein sehr handwerklicher ("artisinal") Prozess – er schreibe ununterbrochen alles nieder, und dann erst, wenn das Material vorliege, beginne er es zu ordnen; das sei dann "80 % der Arbeit".

 

"Der Stil sei in ständigem Kampf mit der Sprache" ("le style est en combat continuelle avec la langue"). "Der Stil prägt die Werke" ("le style marque les oeuvres"), die Sprache sei nur das Mittel.

 

Begonnen hat er mit Lyrik. Damals seien Gedichte viel beliebter gewesen als Prosa ... vor allem bei den Mädchen und Frauen, die über einen Romanautoren nur gesagt hätten: "Der erzählt nur Geschichten, die nicht einmal wahr sind!" – "Il raconte des histoires qui ne sont même pas vraies!"

 

Er merkt bald, dass er, um veröffentlicht zu werden, Kongo-Brazzaville verlassen und nach Frankreich muss, wo die Verlage und die großen Zeitungen sind: "Wenn du nicht in der Nähe der Herdplatte bist, wird das Fleisch nie gar", scherzt Alain Mabanckou.

 

Wie er als junger Mann nach Paris kommt, erfährt er, dass auch da niemand die Gedichte drucken will. Ein älterer kongolesischer Autor rät ihm zur Prosa: "Einen Roman zu schreiben heißt nicht, vor der Poesie zu fliehen." Dieser Mentor weiter: "Mettez la poésie dans le roman!" ("Legen Sie die Poesie in den Roman!" Das beherzigte Alain Mabanckou: Seither lasse er die Leute glauben, dass sie einen Roman läsen! ("Je faisais croire les gens que c'est un roman.")

 

Doch Alain Mabanckou insistiert: "Ein Roman ohne poetischen Atem" ("un roman sans souffle poétique") habe "kein langes Feuer" für die Nachwelt.

 

Seit 2007 ist er Professor Professor an der University of California in Los Angeles (UCLA) und stellt fest, dass es heute in Bezug auf die "gemeinsame" Geschichte des Kolonialismus "weniger Voreingenommenheit" gibt: "On accepte maintenant de parler de notre passé commun sans préjudices." Die Leute wüssten nun, "dass wir nicht auf den Bäumen gewachsen sind oder sonstwo im Busch", sondern "Menschen aus Fleisch und Knochen" und "nicht an den Rand der Gesellschaft gehören".

 

Neuer Realismus

 

Eine überraschende Verwandschaft verbindet den jungen, 1982 in Oakland an der Buch von San Francisco geborenen US-Schriftsteller Tommy Orange, der am 14.9.2019 am Literaturfestival Berlin seinen Welterfolg "Dort dort" (Hanser Berlin 2019) vorstellt, mit dem ebenfalls noch sehr jungen, aus Lothringen stammenden französischen Autoren und Goncourt-Preisträger 2018 Nicolas Mathieu ("Wie später ihre Kinder", Hanser Berlin 2019). Ganz unabhängig davon, dass sie im selben deutschen Verlag herauskommen, liefern beide bei höchstem literarischen Stilgefühl eine soziologisch genaue Studie von – grob und unfeinfühlig gesprochen – perspektivlosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und was die Kunst sowohl bei Tommy Orange wie bei Nicolas Mathieu ausmacht: beide Romane lassen ihren Figuren ihre menschliche Würde.

 

Realistisches Schreiben, so Nicolas Mathieu, habe "eine lange Tradition" – und er nennt die Namen von Balzac, Flaubert und Zola. Mit beeinflusst habe ihn auch eine in den Jahren der Weltwirtschaftskrise entstandene Sozialreportage des US-amerikanischen Autors James Agee ("Let us now praise famous men", 1941, mit den Fotos von Walker Evans; "deutsch: "Preisen will ich die großen Männer", 1989).

 

Und genauso, wie Nicolas Mathieu – über eine Region schreibend, in der die Stahlindustrie am Boden liegt, keine Revolution stattfinden wird und nur noch "Lärm zu machen" übrig bleibt – nicht einfach "Soziolgie deklinieren" wollte, wie er am 15.9.2019 dem Berliner Publikum erklärt, so hat auch Tommy Orange in seinem Roman über junge Cheyenne und Halb-Cheyenne – die nicht sagen können, "wie oft" sie "verraten und gedemütigt" wurden und allein schon so auf Herablassung gestoßen sind, dass Leute ihnen nichts ins Gesicht blicken wollen –, hat auch Tommy Orange kein Textbuch verfasst, sondern erreicht bei der Schilderung seiner Charaktere eine Eindrücklichkeit, die zur Zeit unerreicht ist in der Literatur und jede bisherige Vorstellung von Intensität übersteigt. Für "sie" sei "ihr Land überall und nirgends" – "we are the memory that does not remember."

 

Die Figuren von Tommy Orange sind auf dem Weg zu einer indianischen Zeremonie, um, wie es bitter sarkastisch heißt, zuzugucken, wie "Indianer" für Geld "Indianer spielen", und selber ein Ding zu drehen, was in einer Katastrophe endet. "This is the history of what happens." Und: "I don't think of characters before I write them", erklärt Tommy Orange am 14.9.2019 in Berlin.

 

Literatur ist Musik, aber kein Fußball

 

In einem Podiumsgespräch vor der abendlichen Lyrik-Lesung kommen die Musikerin und Autorin Dotschy Reihardt (Berlin) und der Herausgeber Karl-Markus Gauß (Wien) zum Urteil, dass es eine Besonderheit der Literatur der Sinti und Roma sowie der Jenischen gibt: dass die Menschen, von denen diese handelt seit Jahrhunderten "an den Rand der Gesellschaft" gedrängt und Gegenstand von "Klischees" sind, "die nie durch realistische Bilder ausgetauscht wurden". Jenische würden vor allem in Deutschland, der Schweiz und in England ein Leben als Fahrende führen.

 

Dotschy Reinhardt zufolge läuft ihre Literatur deswegen "ständig Gefahr, die Stereotype zu reproduzieren" – "und sogar zu ethnifizieren", allein schon, wenn "assoziiert" werde, dass "Roma ein Problem" seien. Das könnten auch positive Klischees sein, wie "Flamenco" in Spanien oder der Jazz von Django Reinhardt ... eines Ahnen von Dotschy Reinhardt. Wer die eigene Zugehörigkeit "zum Thema" mache, habe "Angst, darauf reduziert, in diese Schublade gesteckt zu werden" und die "künstlerische Freiheit zu verlieren".

 

Deshalb, ergänzt Karl-Markus Gauß, zögen es viele vor, sich nicht zu outen. In den großen philharmonischen Orchestern seien sie, und es gebe auch viele "sehr gute Fußballer". Gauß scherzt: "Sinti und Roma wollten nie einen Nationalstaat." Hätten sie einen, wären die "Chancen, Europameister zu werden", nicht klein.

 

Beide betonen, Ziel der Sinti- und Roma-Literatur sei es, der "Fremdbestimmung zu entkommen und ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln".

 

"Kunst des Schreibens"

 

Während Florian Illies am 13.9.2019 in der Reihe "The Art of Writing" mit Sandra Kegel auf eine Befragerin stößt, mit er er sich gerne zu einer radikal offenen Selbstschau bereitfindet, die in ebenso heitere wie berührenden Fazit endet, dass beides – unglaubliche Glücksfälle wie Misserfolge – bei den eigenen Veröffentlichungen keine schlechte Lehre für seine gegenwärtige Tätigkeit als Verleger (bei Rowohlt) sei, fühlt sich Maxim Biller am 15.9.2019 mit fortschreitender Dauer des Gesprächs mit dem hypersensitiven, minutiös reflektierenden jungen Schweizer Übersetzer und Autor Stefan Zweifel immer unwohler.

 

Maxim Biller, 1960 in Prag geboren und schon als Kind mit den Eltern nach Westdeutschland gekommen, erreichte mit "Sechs Koffer" (Kiepenheuer & Witsch 2018) ein breites Publikum. Der Roman handelt von seinem in der Sowjetunion hingerichteten Großvater und den Familiengerüchten um dieses Drama.

 

Biller, der Sohn eines Übersetzers ist, der von morgens bis nachts tippte, um die Familie durchzubringen, und dazu immer dieselben Beethoven-Schallplatten abspielte, streitet sich mit Stefan Zweifel ausgerechnet über die Kunst des Übersetzens. Sein Vater, meint Biller, habe ihm gesagt, Sprache müsse "nicht immer logisch sein". Ausrücklich lobt Biller außerdem die Übersetzungen der 1920er und 1930er Jahre – er ziehe sie den vielgerühmten Neu-Übersetzungen vor.

 

Als Stefan Zweifel irgendein Zitat anbringt, bemerkt Maxim Biller, auf die Zeit verweisend, in der er selbst zu schreiben begann: "Ich habe Leute verachtet, die andere zitieren. 'Denke selbst!' Man stellt sich nicht auf die Schultern der anderen!"

 

Daraus ergab sich seine Poetik, die er vor dem Publikum so umriss: "Schreiben bedeutet, die Grenze zu überschreiten, die andere, die neben einem stehen, gerade gesetzt haben."

 

Dezidiert stellt Maxim Biller sich auch gegen die Romantik – und auf die Seite des Realismus, d.h. der Aufklärung. Sarkastisch sagt er, die deutsche Romantik habe den Schreibenden ermöglicht, trotz Obrigkeitsstaat weiterzuschreiben, in der stillen Hoffnung, "vielleicht vom Herrscher" eingeladen zu werden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg habe es "die realistische Literatur in Deutschland sehr schwer gehabt".

 

Der Streit eskaliert beim Thema "Verständlichkeit": Zur Überraschung von Stefan Zweifel bekennt Biller, zwar die "Dubliner" von James Joyce hochzuschätzen, nicht aber den "Ulysses": "Das kann man ja nicht lesen!" Mehr aus Verblüffung als aus Provokation versucht Stefan Zweifel darauf, den "Ulysses" zu verteidigen, unglücklicherweise mit einem Zitat: nämlich mit einer Unterscheidung zwischen "Avantgarde" (Vorhut) und "Arrière-Garde" (Nachhut), die David Foster Wallace in seinem Werk "Unendlicher Spaß" (englisch 1996; deutsch 2009) gemacht habe: dass sozusagen Nachrückende gebraucht würden, um die Leistungen der Avantgarde oder der Moderne zu erhalten.

 

Hilfesuchend wendet sich Maxim Biller ans Publikum, das sich möglicherweise zu langweilen beginne, und steigt geistig aus – bot zum Schluss aber noch einen Aphorismus (keinen zitierten nota bene): "Mit Literatur zeigt man (frau), wie die Welt sein könnte; mit Journalismus, wie sie leider ist."

 

Syrisches Gefängnis

 

Vom Gefängnis wird nur so viel klar, dass es in der Wüste liegt. Mustafa Khalifa ("Das Schneckenhaus", Weidle 2019) liest am 18.9.2019 zuerst selbst auf arabisch, dann folgt er mit ruhigem Blick, den Kopf mit dem schon ergrauten Haar, Schnurrbart und zurückgeschnittenen Kinnbart auf die Hand und den Ellbogen gegen die Seitenlehne gestützt, den Worten des Schauspielers, der den Roman in Deutsch vorträgt. Im grellen Licht eines Kamerateams fällt der runde Schatten eines Mikrophonkopfs wie eine schwarze Kanonenkugel gegen die eine Hälfte seines Gesichts.  

 

"Die Luft ist voller Staub. (...) Niemals habe ich einen Gefangenen dieses Gefängnis verlassen sehen." So beginnt das Werk. Sandstürme dauerten 2 bis 3 Tage. "Wir atmen Staub." Eine Zeitungsseite wird hereingeweht. Seit er, der Erzähler, in sein Land zurückgekommen sei, habe er "keinen einzigen gedruckten Buchstaben gesehen". Die Gefangenen ergattern das Blatt – aber außer Werbung und Fußball stand nichts drin. Einer der die Lesezeit für jeden festlegt und dafür sorgt, dass bevor die Wärter kommen jeder drankommt, wird scherzhaft "Informationschef" tituliert.

 

Im Roman "Das Schneckenhaus" ist kein Name, kein Ort und kein Land genannt. "Und es gibt keine Zeit", sagt die Moderatorin und Dolmetscherin Larissa Bender.

 

"Weil das, was da passiere, "überall auf der Welt" geschehen könne, erklärt Mustafa Khalifa.

 

Dann führt er aus, es gebe im Gefängnis "zwei erlebte Zeiten": Zum einen die Zeit, die fast nicht vergehe, die "wie eine Schildkröte" laufe. "Aber es kommt nach Jahren der Punkt", wo die Gefangenen sich plötzlich vorsagten, sie seien schon so und so viele Jahre hier: "Wie kann das sein?" Im Roman schafft es ein Mitgefangener, die Isolation –das Schneckenhaus – der Hauptfigur aufzubrechen. Seine Zunge war "eingerostet". Der andere brachte ihn wieder dazu, zu sprechen. Im Publikum ist ein Mann der angestrengt mit dem Kopf nickt, mehrfach aufsteht, sich dann wieder setzt.

 

Die "Ereignisse" seien so, wie sie im Roman erzählt sind, geschehen, er habe entweder alles selbst erlebt oder gehört. Nur "das Allerschlimmste" habe er nicht beschrieben. Die Hauptfigur aber habe er aus zwei Personen zusammengefügt: aus der eigenen Person und einem Freund, der sich "noch immer in einer schwierigen Situation" befinde. Es seien Geschichten der beiden.

 

Untereinander gebe es in den großen Zellen ein Füreinander, aber auch erbitterte Streitigkeiten über Nichtigkeiten. "Das Gefängnis ist die Hölle des Details", sagt Mustafa Khalifa. Einige seien bereit gewesen, für andere sogar die Schläge der Wächter zu erleiden, entweder, indem sie sich bereit erklärten, das tägliche Essen durch ein Spalier prügelnder Wärter in die Zelle zu holen, oder indem sie eine von den Wächtern bemerkte angebliche Schuld auf sich nahmen. Mustafa Khalifa zeigt steile Linien in die Luft. Die 200 bis 300 Gefangenen wurden von oben rund um die Uhr von Militärpolizei bewacht.

 

Der Roman führt aus dem Wüstengefängnis heraus. Draußen wegen der Haft inzwischen zu einer "Legende" geworden zu sein, führt zu Verstrickungen. Verwandte raten ihm zu einer Heirat, behaupten ständig von neuem, "eine Braut" für ihn gefunden zu haben. Er will nur in Ruhe gelassen werden. Ein "unüberwindlicher Graben" scheint ihn von den anderen zu trennen. Ansonsten ist er nicht in der Lage, etwas zu spüren. Seine Sprache war "tot", es schien ihm, er müsste erst wieder eine für sich finden und dass er "überhaupt keine Welt mehr" habe. Währenddessen fühlten die Frauen, die ihn heiraten wollten, durch seine abweisende Haltung "in ihrer Ehre verletzt" – "keine" gefalle ihm offenbar – und brachen die Beziehung zu ihm "fast ab" ...

 

Gedächtnis

 

Von einem "schwarzen Loch", das sich, selbst wenn nur "eine Sekunde lang", manchmal unvermittelt auftue, spricht auch der in der Schweiz lebende, vor 17 Jahren aus dem Irak geflüchtete Autor Usama Al Shamani ("In der Fremde sprechen die Bäume arabisch"; Limmat Verlag 2018). Ein Zurück in den Irak für ihn kam nicht in Frage: "Es gab eine rote Linie, ein scharfes Messer." Denn sein Bruder ist seit dem Bürgerkrieg verschollen. Wenn seine Mutter anrufe und "ein paar Worte Arabisch zu mir spricht", ziehe es ihm das Herz zusammen.

 

"Heimat" sei "erschaffbar", wenn auch "natürlich harte Arbeit – an sich". "Ich habe mir gesagt: ich bleibe da; ich muss irgendwie Fuß fassen." Im Arabischen sei "Heimat" einfach, wo ein Mensch "zu Hause" sei. Er habe sich "beheimatet".

 

Die "deutsche Kultur" kannte er von der Universität im Irak her, lange "bevor ich die deutsche Sprache lernte". Diese brachte er sich im Wohnheim gleich nach der Ankunft im Alleingang bei. "Das Gefühl, dass ich mitrede, das ist meine Heimat." Heimat sei, wenn er abends "begrüßt" werde – von den Kindern und seiner Frau, die in der Schweiz aufwuchs und auch aus einer irakischen Familie sei. In Berlin gesteht er aber auch, "dass die westliche Kultur ganz anders war, als ich sie aus dem irakischen Fernsehen kannte". Nach der Diktatur Husseins, der Besetzung und dem Bürgerkrieg herrsche im Irak Chaos und eine neue Diktatur. Aber das Land habe Bergen, die über 3000 Meter hoch und schneebedeckt seien, und Wüsten sowie den Tigris und den Euphrat und sei ein Land mit einer langen Geschichte: "Die Leute haben Angst, aber das heißt nicht, dass sie kein Gedächtnis haben."

 

Zwei Fälle von Verzweiflung bei klugen Frauen

 

Der neue Roman "Tage des Verlassenwerdens" (Suhrkamp 2019) der legendär-anonymen italienischen Autorin Elena Ferrante wurde selbstverständlich in ihrer Abwesenheit am 18.9.2019 vorgestellt, und das Publikum drehte auch nicht die Hälse, um zu sehen, ob sie vielleicht nicht doch im Saal sei – zu sehr zog die Lesung von Eva Mattes in den Bann, und die fiktive Geschichte selbst: über eine von einem dümmlichen Mann schamlos betrogene kluge Frau, die zunehmend durchdreht. Der Mann, der, es sei nochmals betont, eine sehr schlechte Figur macht, hat, wie es der Verlagslektor und die Moderatorin schildern, Familienlügen auf Ehe- und Sexlügen getürmt, und weckt in der Hauptfigur eine "dunkle Zerstörungswut". Vom Genre her ist der Roman eine Rachephantasie und das Lachen der Frauen im Publikum erhellend ... und eine Mahnung an jeden Mann ...

 

Enthüllt wurde auch, dass im November 2019 in Italien ein weiterer Roman von Elena Ferrante erscheine (auf Deutsch im Sommer 2020), in dem die Männer offenbar noch immer nichts dazu gelernt haben, und von dem der Verlag bislang nur den ersten Satz kenne, der, Irrtum vorbehalten, laute: "Zwei Monate bevor mein Vater meine Mutter verließ, sagte er mir, wie hässlich ich sei."

 

Ebenfalls kein gutes Ende nahm die Ehe einer anderen klugen Frau, der aus Serbien stammenden Mileva Marić (1875-1948), die wie Albert Einstein in Zürich Physik studierte. 1903 heirateten die beiden, und die in Zagreb, Wien und Stockholm lebende Romanautorin Slavenka Drakulić schrieb über sie einen Roman: "Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit" (Aufbau Verlag 2018).

 

Viel sei über Mileva sei nicht bekannt, der Roman beruhe auf den bestehenden Biografien, und Briefe gibt es, unter anderem einen von Einstein, in dem er als Bedingung zu einer Wiedervereinigung Bedingungen stellt, die diese Frau, die in den Anfangjahren in Bern für ihn die mathematischen Berechnungen besorgte, faktisch zu einer Haushaltsangestalten gemacht hätten ... Mit dem Abbruch der Kommunikation der beiden beginnt der Roman.

 

Slavenka Drakulić, die sich als Autorin schon auch gelegentlich wie eine Schauspielerin vorkommt, die Emotion zum Ausdruck bringt, ohne sich vollständig mir der dargestellten Figur identifizieren zu dürfen, lässt Mileva Einstein sagen: "Warum habne ich mir eingebildet, wir könnten nie in eine solche Situation geraten?" Auch hier war eine anfänglich von dem Mann in der Geschichte verheimlichte andere Liebe die Ursache für Streit und schließlich Trennung. Die Moderatorin Milena Adam sagt: "Eine der traurigsten Geschichten, die ich je gelesen habe."

 

Radikaler Realismus

 

Haarklein unterscheidendes, auch bis ins letzte Detail und Geheimnis eindringendes autofiktionales Schreiben, das in den Niederlanden mit J.J. Voskuil ("Das Büro", Beck 2012; niederländisch in 7 Bänden 1996-2000), in Frankreich mit Annie Ernaux ("Die Jahre"; Suhrkamp 2016; französisch 2008) und Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims", Surhkamp 2016; französisch 2009) verbunden ist, kennt in Norwegen neben Karl Ove Knausgård noch einen bedeutenden anderen Vertreter: Tomas Espedal ("Gehen: oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen"; Matthes & Seitz 2011; zuletzt "Das Jahr", Matthes & Seitz 2019).

 

Tomas Espedal, geboren 1961 in Bergen, meint, sein Projekt eines Romans in zehn Büchern, die alle je einer anderen literarischen Gattung angehörten, nun mit seinem kürzlich in Norwegisch erschienenen Essay-Band abgeschlossen zu haben. Auf Deutsch soeben erschienen ist das "Das Jahr" – ein Langgedicht, von Pertracas "Canzoniere" inspiriert wie er in Berlin sagt, zum Thema einer einmaligen Liebe.

 

"Der Roman ist seinem Wesen nach eine experimentelle Form", erklärt er und verweist auf Cervantes im 16./17. Jahrhundert ("Don Quichotte") und Laurence Sterne im 18. Jahrhundert ("Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"). Seit etwa 15 Jahren lese er indessen vorwiegend Lyrik: "Hier findet das Experiment statt, hier erhält die Sprache ihre Kraft." Nur selten schlage er Romane auf, am besten gefielen ihm noch jene von Autorinnen und Autoren, "die von der Lyrik herkommen". "Als Romanautor besteht meine Arbeit vor allem im Lesen."

 

Espedal spricht leidenschaftlich. Manchmal schließt er die Augen, während er redet, manchmal erhebt er sich mit hellwachem Blick von seinem Sitz. Näher zu seinem autofiktionalen Ansatz befragt, verweist Espedal auf Balzac und die "große realistische Literatur des 19. Jahrhunderts": So wie Balzac in "Père Goriot" die Stadt Paris und ihre "Intérieurs" schilderte, so hätten sie es in Bergen/Norwegen getan, wo er, Espedal, an der Schreibakademie der örtlichen Universität unterrichtete und u.a. Lehrer von Karl Ove Knausgård war. 

 

Literatur sei "eine Möglichkeit, der Wahrheit auf die Spur zu kommen" – "ob" sie dann wahr sei oder nur "Behauptung" bleibe zu "prüfen".

 

"Es hatte große Folgen für uns Schreibende", fügt er hinzu; es gab "große ethissche Diskussionen", "moralische Kritik", es sei nicht statthaft, so über das "Privatleben" zu schreiben: "dass ihr über eure Liebsten schreibt und euren Freundeskreis!" Es kam zu "Strafanzeigen", "Schlägereien", "Todesdrohungen", erklärt er.

 

"Die Realität schlug zurück. Es herrschte das reine Chaos. Ich musste mich prügeln." Aber: "Jetzt ist fertig!" Die zehn Bücher seien abgeschlossen.

 

Aus "Das Jahr" (Matthes & Seitz 2019) trägt Tomas Espedal u.a. die Zeilen vor (S. 159f):

 

" (...) doch uns fehlt das rechte Wort / für unsere Untaten / uns fehlt der rechte Name / für die Kriege die wir führen / gegen uns selbst / und unsere Nächsten / (...)"

 

Die Sätze "wir kennen nicht das Wort für unsere tägliche Zerstörung" und "wir könnten sagen, wir sind unschuldig" hallen lange nach. Thomas Espedals Auftritt ist ein Höhepunkt des Literaturfestivals.

 

Freiraum

 

Die 1965 geborene Schweizer Romanautorin Ruth Schweikert legt mit "Tage wie Hunde" (S. Fischer 2019) ebenfalls ein ein eindringliches autofiktionales Buch vor, allerdings eines, in dem sie gegen sich selbst anschreibt und das keinen Gattungsnamen trägt.

 

Gleich am Tag der Diagnose – "leider bösartig" – Anfang 2016 fasst sie den Entschluss zu diesem Buch. "Es war ein Reflex", bekennt sie in Berlin. Die Diagnose war ein "Zuschreibung" – sie versuchte "mit Sprache darauf zu reagieren", "ohne Garantie, dass es zum Überleben führen würde", aber es sei "ein Raum, der uns vielleicht fast bis zuletzt zur Verfügung steht".

 

Über den Krebs selbst, den sie nicht nur mit Literatur überwinden will – und seit drei Jahre auch auf Distanz halten kann, schreibt sie: "Dass er einfach nichts bedeutet, nichts!, ist wohl wirklich die größte Kränkung." (S. 164) Aber: "(...) es gibt Erzählräume, die sich auftun mit dem ersten Wort und mit dem letzten sich verschließen (...)." (S. 182)

 

Sie sagt in Berlin: "Das war für mich existentiell: diesen Raum aufrecht zu erhalten. Moment mal! Ich möchte mich dazu verhalten. Es gibt diesen Spielraum. Ich bin nicht einfach Objekt."

 

"Tage wie Hunde" ist keinesfalls ein Ratgeber, es ist viel mehr als das, Prosa ohne Tabu. Wer in einer vergleichbaren Lage ist, findet unendlich viel auf diesen kurzen 199 Seiten. Noch mehr entdecken diejenigen unter den Gesunden drin, die plötzlich einer betroffenen Person gegenüber stehen oder vielleicht ein e-Mail oder einen Brief schreiben müssen, ernsthaft den Versuch machen möchten, etwas zu sagen, dass von Belang ist, und nicht nur eine Floskel. Statt "Wie geht's" sollen sie, so Ruth Schweikert in Berlin, zum Beispiel "nach den Veränderung am Tag der Diagnose" fragen. "Diese Brüchigkeit" des Sprechens und Redens anderer wollte sie "abbilden". 

 

 

Betroffene selbst werden wie in eine Welt aufgenommen, in der sich ungezählte andere als Mitbetroffene plötzlich zu erkennen geben und über sich berichten. 

 

"Ich sammle Überlebenserzählungen, ich sammle Sterbenserzählungen", schreibt in sie (S. 188).

 

Aber sie hat, als sie es im Sommer 2017 in Paris zum Abschluss bringt, den Wunsch, so erklärt sie dem Berliner Publikum, "es möge ein leichtes Buch werden", "bloß keine Larmoyanz", stattdessen "Kampfbereitschaft". "Doch wie genau?"

 

"Ich will sie nicht damit belästigen", und sie zählt auf, was sie beschäftigt. Noch immer. Sie schildert aber auch, was ihr eines ihrer Kinder sagte: "Deine vielleicht größte Schwache ist, dass du keine Schwäche zeigen kannst" (S. 34).

 

Sie sagt, sie ertappe "sich täglich in flagranti bei ihrem Überlebenswunssch". In Berlin trägt sie dunkelblaue Sneakers mit weißer Fersensohle und fluoreszierend-orangen Schnürsenkeln, darüber ist der Ansatz von Wollsocken zu sehen, mit weißen und hellblauen Trapezen.

 

Es sei auch ein Buch darüber, "wie ein Mensch seinen Schrecken verliert". Sie habe sich gesagt: "Ich möchte ein Buch zur Welt bringen wie ein Kind", "von drüben erzählen", erklärt sie. 

 

"Ein Text ging aus dem anderen hervor. Es sind Vergegenwärtigungen" sagt sie. Alles ist tatsächlich aufgehoben in Geschichten. Mit scheinbarer Leichtigkeit klärt sie in szenischem Schreiben das Medizinische, die Bestrahlung, die Chemo, die Diät, die anthroposophische Mistel-Therapie; das Yoga; die Feldenkrais-Therapie; auch den Tag, an dem sie ausrastet und die Wut nicht mehr zurückhalten kann (S. 130). Denn nie ist sie zunächst allein. Erst nach der abgeschlossenen Behandlung wird ihr das bewusst:

 

"Was ich zuvor am meisten liebte: das Alleinsein, ist nun die größte Herausforderung (...)." (S. 161)

 

 

"About: Sex"

 

Die Spezialreihe "About: Sex" des Internationalen Literaturfestivals Berlin lasse ich eher links liegen, auch den Katalog dazu, den der Verlag Vorwerk 8 (Berlin) zum Festival herausgab. Grund: Persönlich im vorgerrückten Alter, kann ich das Seelische der Liebe und die "Sache" nicht voneinander trennen, teils glaube ich (sicher zu Unrecht), in Berlin sei dazu doch alles gesagt. Auch habe ich nicht vergessen, was Michel Foucault einmal sagte, dass nämlich das zwangsweise Reden davon längst zur neuen Form der gesellschaftlichen Kontrolle des "Sex" geworden sei.

 

Auch kannte ich Michel Foucaults posthum erschienenes Werk "Die Geständnisse des Fleisches" schon, das am Festival zu reden gab – den lange erwarteten vierten Band von "Sexualität und Wahrheit" über die ersten christlichen Jahrhunderte, der Anfang 2019 auf Deutsch erschien (Suhrkamp).

 

Da der Lebenspartner Foucaults, Daniel Defert, mir für einen Radio-Essay ("Michel Foucault – Philosophie und Tod"; Süddeutscher Rundfunk, 3. Februar 1992) einst beim Interview in Paris erklärt hatte, dass Foucault die Angewohnheit hatte, nach der Niederschrift eines Buches es gleich noch einmal gänzlich neu zu schreiben, war ich auch nicht enttäuscht, dass "Die Geständnisse des Fleisches" streckenweise wie einer Aneinanderreihung langer Exzerpte aus der gelesenen Originalliteratur gleicht und die sonst für Foucault typischen starken, aktuell relevanten Schlussfolgerungen weitgehend fehlen.

 

Gefallen hat mir hingegen außerordentlich – wenngleich ich bisher den Leute, denen ich davon erzähle, den tiefen Witz der Sache noch nicht richtig vermitteln kann –, wie Foucault beim berüchtigten Leugner der Willensfreiheit Augustinus von Hippo (354-430 nach Beginn unserer Zeitrechnung) eine unorthodoxe Auslegung der Adam-und-Eva-Geschichte entdeckte:

 

Erstens seien Adam und Eva nicht die einzigen Menschen im Paradies gewesen, da es doch bei Moses 1.9 und 18 unmissverständlich heiße "Seid fruchtbar und mehret auch", führte Augustin aus, und Sexualität und Kinderbekommen sei damals etwas "wie Speise" gewesen, gar nicht als Sex wahrgenommen worden, da zwar – vor dem Sündenfall und dem Essen vom Baum der Erkenntnis – Adam und Eva und mit ihnen die anderen Menschen im Paradies durchaus nackt gewesen seien, aber: ihr Geschlecht sei in das "Gnadenkleid" eingehüllt gewesen, welches, so Foucault auf Grund von Augustin, "dafür sorgte, dass einerseits ihre Glieder nicht gegen ihren Willen aufbegehrten und dass man ihm andererseits und infolgedessen keine Aufmerksamkeit schenkte" ("Geständnisse des Fleisches, S. 448).

 

Mobilisierung gegen Beleidigungen

 

Immerhin gehe ich im Rahmen dieser Reihe "About: Sex" dann doch noch zu Didier Eribon, dessen Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage" ("Réflexions sur la question gay", 1999) im Dezember 2019 bei Suhrkamp herauskommen soll und die Vorarbeit für sein Prosawerk "Rückkehr nach Reims" (französisch 2009; deutsch bei Suhrkamp 2016) war, wie er vor dem Publikum erklärt.

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Der französische Autor Eribon legt am 21.9.2019, dem Schlusstag des Festivals, überzeugend dar, wie das eigene Reden über schwules Begehren am Anfang in erster Linie der Versuch war, den "Beschimpfungen" ("insultes") zu entgehen, die gegen Schwule und Lesben ertönten, aus der "Tiefe der Geschichte". Eribon erklärt, er habe da durchaus an Jean-Paul Sartres Buch "Saint Genet, Komödiant und Märtyrer" (Rowohlt 1982; französisch 1952) angeknüpft, der mit den Benennungen Genets durch Öffentlichkeit und Kritik beginne.

 

Auch Didier Eribon wurde mit diesen Beleidigungen konfrontiert, ja, sie gingen dem Gefühl des ersten Begehrens lange voraus. Von je her, schon als Kind, hörte er sein Prolo-Vater gegen Gesichter im Fernsehen schimpfen, von denen er zu wissen glaubte, sie seien homosexuell.

 

Keinen Ruhm erwarb sich die Psychoanalyse, als sie – um 1900 entstanden – das alte Vorurteil der Perversion übernahm. Didier Eribon bekam auch das noch zu spüren: "Ich wollte nicht geheilt werden" ("Moi, je ne voulais pas qu'on me guérisse"), erklärt er dem Berliner Publikum. Der Diskurs wirke in Frankreich noch immer nach, etwa in den Debatten über Ehe und Adoptionsrecht bei Schwulen. Eribon kann dann aber fast nicht mehr aufhören, gegen "die" Psychoanalyse auszuteilen, gegen "Ödipus- und Katrationskomplex". Mit dem Titel "Der Psychoanalyse entkommen" hat Didier Eribon auch ein Buch dazu geschrieben (Turi + Kant 2017; französisch 2005).

 

Die Diskussionszeit reicht nicht für alle Fragen – und ich gehe nach der Veranstaltung an seinen Tisch, und sage ihm auf Französisch: "Von Ödipus wurde schon zweitausend Jahre vor Freud gesprochen. Ich hoffe, sie lassen Monsieur Freud wenigstens ein Gran Weisheit. Und Foucault selbst hat in einem Aufsatz erklärt, dass er mit drei Namen zu denken begonnen hat: Marx, Freud und Nietzsche." – Das wisse er schon, antwortet er, mit ausweichendem Lächeln, er habe das nicht genauer darlegen können ...

 

Na immerhin, denke ich.

 

Auch auf Grund der feministischen Kritik gegen ähnliche Vorurteile (Penisneid u.a.) sah sich psychoanalytisches Denken genötigt, sich selbst in Frage zu stellen und sich weiterzuentwickeln; Grundlage dazu bleibt etwas, das die Psychologie mit dem literarischen Schreiben immer schon geteilt hat: die Erfahrung des Unbewussten, der Träume, die Mechanismen der Verdrängung, das Phänomen der Projektionen usw.

 

Zauber

 

Wie zum Beweis, wie sehr der Zauber des Unbewussten die Literatur bestimmt, stellte der 1968 geborene bulgarische Autor Georgi Gospodinow als Letzter in der Reihe "Literaturen der Welt" am 21.9.2019 seinen Band mit Erzählungen "8 Minuten und 19 Sekunden" (Droschl 2019) vor. Bekannt wurde er mit dem

Roman "Physik der Schwermut'" (Droschl 2014; dtv 2016), und er ist vielleicht der geistreichste Sprachkünstler der 19. Ausgabe es Internationalen Literaturfestivals Berlin.

 

Gospodinow erläutert, wie ihm seine Großmutter jede Nacht flüsternd aus der Apokalypse der Bibel vorlas, die unter dem Kommunismus noch verfemt und darum in ein Platt der Parteizeitung eingebunden war. Gospodinow, damals noch ein Kind, ist überzeugt, dass persönliche Geschichten und Biografien mehr über eine Zeit erzählen als die große Geschichte. Für uns Menschen sei auch der Zeitverlauf ganz anders als in historischer Hinsicht, "allein dadurch, dass wir nicht auf Dauer hier sind".

 

Der Moderator Thorsten Dönges streicht hervor, wie wunderbar Gospodinow große und kleine Geschichte zusammen bringe. – "Einsprengsel", "Haltepunkte" und "Unterbrechungen" habe er gern in seinen Büchern, gibt Gospodinow zu und erklärt zur Erheiterung des Publikums: "Ein Roman ist keine Arie!"

 

Verpasst habe ich trotz ungezählter besuchter Veranstaltungen doch auch Vieles, zugegeben, weil jeden Abend doppelte und dreifache Veranstaltungen stattfanden. Nicht unterschlagen möchte ich daher, was mir der Moderator der Gospodinow-Lesung anvertraute, dass ihn die Lesung der 1991 geborenen nigerianisch-britischen Romanautorin Chibundu Onuzo ("The Spider King's Daughter", 2012; "Welcome to Lagos", 2016) zu Tränen rührte und auch den Saal ergriffen zurückließ.

 

 

von Peter Kamber (28. August 2019)

 

Erzählt werden soll, wie der Zürcher Diplomat Markus Blechner den Nachlass von Chaim Israel Eiss für das Auschwitz Museum sicherte und damit die Geschichte Hunderter vor der Ermordung Geretteter weltweit bekannt machte: Tausende Süd- und mittelamerikanischer Pässe waren während des Zweiten Weltkrieges in Bern fabriziert und von Zürich aus verschickt worden – sie retteten über 600 heute namentlich bekannten Verfolgten in den besetzten Niederlanden und im Ghetto von Warschau das Leben. "Wir finden jeden Tag neue Belege", so Markus Blechner, seit 2012 Polnischer Honorarkonsul in Zürich. 

 

 

Geschichte hinter der Geschichte: Schon als 15-Jähriger übten Pässe und Diplomatie eine besondere Faszination auf ihn aus – was er darüber hörte und Büchern entnahm: "Das war spannend, ein bisschen Glamour usw. – du kommst überall rein. Ich war damals als Jugendlicher kein Schweizer, ich war kein Pole, ich war Jude – eigentlich nur …, und hatte keinen richtigen Pass. Also für mich – für uns – war ein Pass die Essenz vom Leben: Wenn du keinen Pass hast, bist du niemand. Das kann man sich heute gar nicht so vorstellen", erklärt mir der 77-jährige Markus Blechner Ende Juli 2019 in seinem Büro an der Zürcher Stadelhoferstraße. Zur Welt kam er im November 1941 in Zürich. Sein Vater Jakob war damals seit knapp einem Jahr im Schweizerischen Internierungslager Bad Schauenburg – dem einzigen in der deutschsprachigen Schweiz, "das eine koschere Küche hatte, also ein bisschen auf jüdische Belegschaft eingerichtet" war, scherzt Markus Blechner. Mit anderen Emigranten baute sein Vater damals an einer Verbindungsstraße nach Liestal/Basel-Land, erhielt aber, als der Sohn geboren wurde, drei Monate Vaterschaftsurlaub und konnte vorübergehend zurück nach Zürich zu seiner Frau. Das geht aus dem Buch hervor, welches das Stadtarchiv München unter der Leitung von Professor Michael Brenner 2001 über die Familie veröffentlichte.1

 

Mit einem Lufthansa-Flug von München nach St. Gallen war seinen Eltern am 23. August 1939 gerade noch die Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich gelungen1a. Kein Glück hatten nur vier Tage später seine Großeltern und sein Onkel Salo, die am Sonntag, 27. August 1939, gegen 13 Uhr mit dem Zug im Schweizer Grenzort St. Margrethen eintrafen.2 Sie wurden festgehalten, und nach telefonischer Rücksprache mit Bern am folgenden Tag um 11 Uhr zurückgewiesen – trotz gültiger Papiere und Schweizer Visum, das Onkel Salo noch zwei Tage vorher in München erhalten hatte. "Das war ja das Drama!", schildert Markus Blechner.

Sein Großvater Markus wurde darauf am 9. September 1939 in München von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen und am 24. Oktober ins KZ Buchenwald transportiert, wo er am 14. November 1939 – angeblich an "allgemeiner Blutvergiftung" – starb.3 Noch heute nimmt es Markus Blechner – der nach alter Tradition denselben Vornamen wie sein Großvater trägt – sehr mit, wenn er auf Dokumente stößt, die davon berichten. Er kennt die wahren Hintergründe; Brenners Buch beschreibt sie4: Nach dem Bürgerbräu-Attentat auf Hitler am 8. November 1939 in München durch den nicht-jüdischen Nazi-Gegner Johann Georg Elser wurden in Buchenwald "sämtliche Juden in ihre verdunkelten Baracken eingeschlossen", daraufhin 21 der jungen Männer im Steinbruch erschossen, "die Übrigen" blieben drei Tage lang "ohne Nahrung" eingesperrt; und weil zur selben Zeit "angeblich ein Schwein gestohlen" wurde, erhielt "anschließend das gesamte Lager 5 Tage keine Nahrung"5. Das Arbeitskommando im Steinbruch und als Steinträger mit Prügeln und Erschießungen bei Zeichen von Schwäche war mörderisch. 

In seltsamer Koinzidenz hatte die Eidgenössische Fremdenpolizei Markus Blechners Vater Jakob gerade an dem Tage, an dem der Großvater im KZ starb, schriftlich erklärt, "dass wir nicht in der Lage sind, die Einreise Ihres Vaters Markus Blechner, geb. 1879, und Ihres Bruders Salo Blechner, geb. 1914, polnische Staatsangehörige, zu bewilligen, da deren Weiterreise nicht gesichert ist." Onkel Salo hatte von München nach Berlin fliehen können, wo seine Freundin und Verlobte Margot Mondschein lebte6 und wo er zuvor in einer Kleiderfabrik gearbeitet hatte. Aber dort wurde auch er, am selben 9. September wie der Großvater in München, verhaftet. Er kam nacheinander in die KZs Sachsenhausen (Brandenburg), Neuengamme (Hamburg), Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau (Thüringen) und Bergen-Belsen (Niedersachsen).

Aber Onkel Salo überlebte. In einer Postkarte vom 26. April 1945 an seinen Bruder, Markus Blechners Vater, schrieb er unmittelbar nach Wiedererlangung seiner Freiheit: "Ich lebe! Das ist ein Wunder G'ottes." Lebensrettend waren warme Sachen und ein paar Gummistiefel, die seine Mutter Mina (geb. 1888) noch hatte nach Neuengamme schicken können7 – wenige Tage, bevor sie selbst nach Kaunas in Litauen deportiert wurde, wo sie gleich bei der Ankunft, am 25. November 1941, mit allen anderen ihres Transports "vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A erschossen" wurde8. Ebenso wichtig waren Lebensmittelpakete mit Sardinenbüchsen, Feigen und Brot, die ihm der Vater aus Zürich auf dem Weg über die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" in Berlin-Charlottenburg senden konnte; diese Vereinigung stand seit 1939 unter Kontrolle des Reichssicherheitshauptamts; aber mit Brief vom 30. Januar 1944 aus Auschwitz-Monowitz bestätigte Salo "die 15 Päckchen, welche ich alle erhalten habe"9. Eingesetzt worden war Onkel Salo in Neuengamme zuerst im Barackenbau und dann bei Erdarbeiten bei den Dämmen an der Elbe. Es gibt ein Bild mit ihm in betont angestrengter, schwungvoller Arbeitshaltung mit Schaufel und längsgestreiften Anzug – als hätte er den drohenden Blick der Besuchergruppe mit der Kamera auf sich gespürt. Auch Auschwitz-Monowitz begann er im Arbeitskommando Barackenbau, kam später aber bei der IG Farben, die in Monowitz synthetischen Gummi herstellte, in die "Schlosserei". Markus Blechner: "Er hat das Gefühl gehabt, da kann man überleben. Er hat sich einfach zu denen gemeldet. Er hat nicht gesagt: 'Ich schreibe Schreibmaschine.' Er war kaufmännisch [ausgebildet], hat Null Ahnung gehabt." Aber hatte vielleicht ein handwerkliches Talent: "Mein Vater war auch ein bisschen so." Im sogenannten Buna-Lager Monowitz starben "30.000 Juden", schreibt  der Völkerrechtsexperte Benjamin B. Ferencz, der 1947/48 Chefankläger im Prozess gegen die Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes der SS vor dem Nürnberger Militärgericht war, in seinem Buch "Lohn des Grauens. Die verweigerte Entschädigung für jüdische Zwangsarbeiter"10.

Das größte Trauma für Onkel Salo verursachte der Transport nach Dora-Mittelbau in Thüringen. Markus Blechner schildert: "Auschwitz wurde aufgelöst, als die Sowjetarmee näher kam. Da wurden die entweder auf Todesmarsch geschickt; er [Salo] wurde in einem offenen Zug verlegt. Das war Januar [19]45, eiskalt. Das ist tagelang gegangen. An jeder Station hat man gehalten und die Toten rausgeschmissen. Das hab ich gehört. Es war Kannibalismus. Da haben die gegessen … Menschen. Ich hab's von meinem Cousin Mark gehört; mein Cousin hat's vielleicht gehört von seinem Vater. Er hat nicht gesagt: Sein Vater hat das gegessen. 'Man hat …' Und wenn der Zug [in eine Stadt] eingefahren ist – wenn er stand – haben oben [von Brücken aus] Menschen manchmal Essen reingeschmissen, aber die SS hat dann geschossen auf sie usw."

In Dora-Mittelbau bei Nordhausen wurden in unterirdischen Stollen "V2" hergestellt. Markus Blechner: "Da war er in Dora-Mittelbau. Da hat er [sitzend] auf einer [V2] Rakete gearbeitet. Da gibt's ein Bild. Das hat er gefunden, wie er mit seinem Sohn im Holocaust Museum in Washington [D.C.] war, mit Mark. Er hat sich erkannt: 'Das bin ich!' Dann haben wir nachgeguckt, woher das Bild stammt: das stammt aus dem Nachlass eines SS-Offiziers aus Berlin." 

 

Zurück als freier Mensch in München, wurde Onkel Salo von den Amerikanern als Kaufmann eingesetzt und musste das Sportgeschäft Munzinger am Mariannenplatz leiten, ehe es "den alten Inhabern zurückgegeben" wurde. "Und dann haben die Amerikaner ihn gefragt: 'Was möchtest du von uns?' – Da hat er gesagt: 'I want to go to America.' – 'Abgemacht.'" Markus Blechner hörte schon als Kind bei Tisch von Salos Geschichte. Im Alter von 19 oder 20 war er schließlich erstmals selbst in Amerika und traf ihn: "Aber er hat nie im Detail erzählt. Ich konnte nicht fragen – ich war noch jung, ich konnte nicht … – 'Hat man dich geschlagen?' oder so. Ich habe immer Angst gehabt, dass ich eine Reaktion bekomme ... Er ist ja viele Jahre nicht aus sich herausgekommen. Und er hat ja Albträume gehabt, war in psychiatrischer Behandlung über viele, viele Jahre. Er hat manchmal Rückfälle gehabt. Zum Beispiel hat ihn jemand angerufen, am Telefon, und sagt ihm, er wohne auch irgendwo in Amerika, und sagt: 'You remember me? Erinnerst du dich an mich? Wir waren doch zusammen in Auschwitz, in diesem Bunker oder so.' – Dann ist wieder alles hervorgekommen." Es äußerte sich in Depressionen: "Er ist dann tagelang nicht aufgestanden. Schwere Depressionen hat er zum Teil gehabt; dann ist es wieder weg. Es gibt ja Medikamente. Er hat mir nur gesagt: 'Er hat überlebt an dem Glauben, dass er nach … wenn er rauskommt, dass er seine Eltern wieder sieht und [im Glauben] an seine Freundin Margot – er hatte eine hübsche Freundin aus Berlin, er hat ja in Berlin gewohnt. Und er war vor dem Krieg nicht so religiös, er war ein bisschen jovial, ein Lebemann, ist an den Wannsee gegangen – ich hab Fotos von ihm. Er hat die Margot sehr geliebt, und der ist nichts passiert, die ist dann nach Amerika, und das hat ihn gehalten. Die Margot! Kein Kontakt oder so! Aber dass er die wiedersehen will nach dem Krieg!" Sie hatte über Belgien zunächst nach Chile ausreisen können und dort geheiratet11 – und lebte später in Florida. Salos Frau, Toby, nahm, wenn Margot anrief – und da war Salo "schon alt, schon 80", erzählt Markus Blechner –, jeweils das  Telefon ab und sagte: 'Ah, your girlfriend Margot is calling.' Sie hat immer Humor gehabt."  

 

II 

 

Markus Blechner wandte sich erst im Jahr 2000 bewusst der Familiengeschichte zu. Nach einer Karriere als international tätiger Verkaufsdirektor, Manager und Unternehmungsberater zog er sich vom Erwerbsleben zurück – damals noch keine 59. Insbesondere die Frage der ehemaligen Polnischen Pässe seiner Eltern ließ ihn nicht los. Sein Vater hatte die "zurückgegeben": "Aber mein Vater ist ja nicht zur kommunistischen Botschaft gegangen und hat gesagt: 'Ich will nicht mehr Bürger sein von einem kommunistischen Land!' Nein." Er gab sie einfach bei der Fremdenpolizei in Zürich ab – und zwar damals, als er nach unzähligen Aufforderung der Behörden, auszureisen und Jahren des befristeten, immer wieder verlängerten Aufenthalts, 1951 die Niederlassungs- und Arbeitserlaubnis erhielt. Im Schweizerischen Bundesarchiv hatte Markus Blechner die Papiere plötzlich vor sich liegen: "Ich habe die Polizeiakten der Fremdenpolizei eingesehen, von meinen Eltern und anderen Familien. Dort hatte ich die polnischen Pässe gefunden." Dann führte der Zufall Regie.

Markus Blechner, der von 1984-1994 Geschäftsleiter der Schweizer Niederlassung des japanischen Reifenherstellers Bridgestone gewesen war, wurde im Dezember 2003 zu einem Empfang im Hotel Bellevue Palace eingeladen – "anlässlich des Geburtstages des Kaisers von Japan". Da lernte er den Jerzy Margansky kennen, der 2001-2005 Polnischer Botschafter in Bern war (und danach, ab 2013 in Berlin). Sie wurden Freunde. Margansky erklärte ihm später auf Nachfrage, die Blechners seien nie ausgebürgert worden – und sorgte dafür, dass Markus Blechner einen polnischen Pass erhielt. Er selbst hatte sich 1959 mit 18 Jahren einbürgern lassen – und las im Bundesarchiv auch seine Akten: "Das war also ungefähr so wie der Film 'Die Schweizermacher' von [Rolf] Lyssy mit dem Schauspieler von Luzern … Emil." – "Die" seien in die Schule gekommen. "Und zum Beispiel die Nachbarn im Haus, die hat man befragt." Und das Abrechnungs-Büchlein des Milchmanns eingesehen … "Wie ich die Kontakte mit dem Botschafter weiter pflegte, habe ich ihn dann mal gefragt: 'Wie wird man Honorarkonsul?' – Da hat er gesagt: 'Ja, das kann viele Jahre dauern!'" Blechner, der überzeugt war, mit seinen Geschäftskontakten Polen von Nutzen sein zu können (das Land trat 2004 der EU bei), erreichte sein Ziel 2012. Er wurde Polnischer Honorarkonsul in Zürich, mit Büro in der Nähe des Bahnhofs Stadelhofen. Er erklärt lachend: "Sie müssen alles selbst zahlen; Sie kriegen nur den Titel; Sie kriegen eine Fahne; Sie kriegen ein Schild; und Sie kriegen ein Diplom, ein Amtssiegel, und Sie kriegen eine Ernennungsurkunde vom Bundesrat. Der Rest is yours!" Aber er kann das Ehrenamt mit eigenen Projekten und Überlegungen füllen. "Ich kriege kein Gehalt, nicht mal Spesen – nichts, rein nichts. Ich zahle alles selbst." Er ist auch nicht zuständig für Pässe, Beglaubigungen und Visa – das mache der Berufskonsul in Bern. "Ich habe eigentlich nur mehr repräsentative Aufgaben." Bei Staatsbesuchen zum Beispiel. Manche Wirtschaftskontakte kann er schneller herstellen als die Botschaft in Bern. Am Telefon erteilt er Auskünfte. "Ich unterhalte mich mit den Leuten." Und er besucht polnische Häftlinge, die ihren Konsul zu sprechen wünschen. "Meistens können sie Deutsch. Das sind manchmal auch verzweifelte Personen. – Ich spreche kein Polnisch – ein paar Wörter." Schon seine Eltern, die aus München kamen, "konnten selbst kein Polnisch" mehr: "Ich glaube nicht mal meine Großeltern. Denn sie stammen aus Galizien, und das war k. und k.-Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg; das hat ja zu Österreich gehört, dieser Teil von Polen. Sie sprachen Deutsch, vor allem Jiddisch. Jiddisch kann ich sprechen, ja. Da bin ich ziemlich perfekt; schreiben ist schwierig." Dann spielte der Zufall noch einmal Schicksal … Abi Herz, ein Nachbar von Markus Blechner in Zürich, den er "seit 20, 30 Jahren" kennt, "von einer frommen jüdischen Familie", sprach ihn in einer wichtigen Sache an: "Er hat's mir erzählt, weil er gehört hat, dass ich Polnischer Honorarkonsul bin. Sonst wär's nicht dazu gekommen. Er hatte die Verbindung zu Polen erst durch mich. Sonst hätte er mir das nie erzählt …"  

 

III 

 

"Und er erzählte mir vom Großvater seiner Frau, und der hat geheißen: Rebbe Chaim Eiss, und der hat sich beschäftigt mit Hilfsaktionen für jüdische Menschen, vor allem in Polen, in Warschau, die im Ghetto sind, und hat denen geholfen mittels Vermittlung von südamerikanischen Pässen, vor allem Paraguay. – 'Oh', habe ich gesagt, 'ist eine interessante Geschichte, gib mir bitte Dokumente.'"

"Rebbe" wurde Chaim Israel Eiss "aus Ehrfurcht" genannt, erzählt Markus Blechner. Eiss war Kaufmann und besaß an der Müllerstraße 69 in Zürich ein Ladengeschäft – "Bonneterie en gros" – Großhandel für Kurzwaren; der französischen Wortbedeutung nach: Strumpfwaren. Die wenigen biografischen Angaben über ihn stammen aus einem (schweizerisch damals so genannten) "Abhörungsprotokoll" – einem Verhör – des Polizeidienstes der Schweizerischen Bundesanwaltschaft vom 13. Mai 194312. Eiss erklärte, er sei am 16. September 1876 "in Galizien, in Usrzyki", geboren, "und mein Vater war ebenfalls Kaufmann": "Ich habe keine allgemeine Schulbildung gehabt. Schreiben lernte ich dann später selbst. Ich habe auch keinen Beruf erlernt, da mein Vater wünschte, dass ich Rabbiner werden sollte. Aus diesem Grunde habe ich dann nur jüdische religiöse Studien gemacht. Im Jahre 1900 bin ich nach der Schweiz umgezogen, kam nach Zürich, wo ich studieren wollte. Da ich aber über kein Geld verfügte, betätigte ich einen Hausierhandel. Später, im Jahre 1901, erwarb ich mir ein eigenes Geschäft … Mein Geschäft befindet sich an der Müllerstrasse 69 in Zürich. Im Jahre 1916 habe ich mich in Winterthur eingebürgert mit der ganzen Familie."

Der Inspektor der Bundespolizei hatte das Verhör mit der Frage eröffnet: "Wie wir aus guter Quelle wissen, befassen Sie sich mit der Beschaffung von Pässen oder Abschriften davon für ausländische Glaubensgenossen, wie verhält es sich?" Eiss sagte dazu u. a.: "Es ist richtig, dass ich in Verbindung mit dem paraguayanischen Konsulat in Bern durch das polnische Konsulat in Bern insgesamt ca. 20 Briefe nach Polen an Personen vermitteln ließ. In diesen Briefen stand die Bestätigung, dass die betreffende Person, infolge Bemühungen von Verwandten in der Schweiz durch das Konsulat von Paraguay in das paraguayanische Staatsbürgerrecht aufgenommen worden sind. (…) Ihnen allen droht die Gefahr der Ermordung durch die deutschen Vernichtungskommandos. Diese ziehen von Ort zu Ort und ziehen jüdische Familien ein, die dann ohne weiteres Verfahren getötet werden. (…) Das Erlangen dieser Bestätigung oder der Pässe geht so vor sich: Ich wende mich immer an den polnischen Konsul Rokicki, welcher sich dann an den paraguayanischen Konsul Hügli in Bern wendet, der dann diese Papiere ausstellt. (…) Bis jetzt hat die Erfahrung gelehrt, dass Personen, die im Besitz von solchen Papieren waren, in ein Lager nach Vittel (Frankreich) oder in ein Lager in Deutschland kamen, d.h. unter dem Schutz des Roten Kreuzes waren und gerettet waren. Ob sich die Deutschen später einen Austausch mit internierten Deutschen in Paraguay vorstellen, ist vermutlich. Ich bin Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Israel-Weltorganisation. Das ist die israelitische religiöse Weltorganisation (…)."

 

Eiss gab offensichtlich zu niedrig gegriffene Zahlen an. Als die Stadtpolizei am 15. Juni 1943 im Rahmen einer "Postsperre" eine Briefsendung konfiszierte, fielen ihr allein 10 Bogen mit unzähligen aufgenähten Fotos in die Hände – Personen jedes Alters und Geschlechts, die alle auf rettende Pässe gehofft hatten. Alles war vorbereitet, mit Bleistift standen die Namen auf der Rückseite der einzelnen Bilder – aber eben: tragischerweise sollten sie die Papiere wegen der Beschlagnahmung der Fotos nicht mehr bekommen.

 

       

 

       

 

10 Bilderbögen, die hätten Menschenleben retten können – und von der Schweizer Polizei abgefangen wurden. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Signatur E4320B#1990/266#4140* (auf der Rückseite der Bilder sind mit Bleistift die Namen verzeichnet)  

 

Eine Tochter von Chaim Israel Eiss lebte damals mit ihren drei Kindern in Antwerpen versteckt13. Hintergrund des Vorgehens der Schweizer Behörden gegen Eiss war Folgendes: Ein deutscher Spion namens Heinrich Löri, der zu einem in der Schweiz agierenden Ring des deutschen militärischen Geheimdienstes um den Deutschen Josef Miller gehörte, hatte sich in Montreux an den Schweizer Rabbiner Mosche Botschko (1916-2010) herangemacht14. Dieser Ring ging hoch. Löri wurde am 3. April 1943 in Zürich verhaftet. Im Bericht der Schweizerischen Bundespolizei vom 29. April 194315 heißt es: "Nach Angabe des Löri sollen die deutschen Behörden der Auffassung sein, dass Botschko für polnische Juden Pässe anfertige oder sonstwie beschaffe, um dadurch polnischen Juden die Flucht aus Polen zu ermöglichen. Um diesen Machenschaften auf die Spur zu kommen, hätte man unter der Verwendung des Namens Fackler in Krakau, einem Bekannten des Botschko, einen Brief verfasst und diesem Photos von Juden und Filmbilder beigelegt zur Anfertigung von Pässen, mit der Absicht, zu versuchen, von Botschko die Bestätigung für die Annahme der Deutschen zu erlangen. Löri(…) nahm (…) den Auftrag entgegen, Botschko den Brief unter der Vorgabe zu überbringen, er habe ihn von einem Bekannten des Fackler erhalten und unter Umgehung der Zensur nach der Schweiz bringen können, um zu versuchen, von Botschko eine Antwort darauf zu erhalten. Löri führte diesen Auftrag Freitag, den 26.3.43 aus und will sich Botschko gegenüber auf wiederholtes Befragen als Frank, Fritz oder Kurt ausgegeben, aber keine befriedigende Antwort erhalten haben. Er wusste aber dennoch das Vertrauen des Botschko einigermaßen zu erschleichen, da ihm Botschko noch die Adressen von 2 Juden, nämlich Schwarzbaum, Alfred, Avenue Léman 50, Lausanne, und Eiss, Ch. I. [Chaim Israel], Müllerstraße 69, Zürich, übergab, mit dem Ersuchen bei diesen vorzusprechen, da sie ihm vertrauliche Mitteilungen für in Polen ansäßige Verwandte machen wollten.

Löri sprach in der Tat bei Schwarzbaum vor und erhielt nach seinen Aussagen von diesem einige derartige Aufträge, die, wenn er nicht an der Ausführung durch die Verhaftung verhindert worden wäre, offenbar einem oder mehreren Israeliten in Polen den Kopf gekostet hätten. "14 Tage nach diesem Bericht der Bundespolizei vom 24. April 1943 sprach ein Bundespolizei-Inspektor bei Chaim Israel Eiss in Zürich vor: es war der 13. Mai 1943. Der enge chronologische Zusammenhang ist nicht zu übersehen. Unabhängig davon war inzwischen auch der Honorarkonsul Paraguays in Bern, Rudolf Hügli, in Schwierigkeiten geraten. Sein Zürcher Kollege, der Generalkonsul Paraguays, hatte am 4. Januar 1943 ein Verfahren gegen Hügli eröffnet. Es wurde zwar am 4./6. Mai 1943 eingestellt, aber der Weg zu einer Weiterführung der Passaktion war nun versperrt. Hügli hatte dem Untersuchungsrichter erklärt: "Diese Judenverfolgungen begannen bereits meines Erachtens schon vor dem Kriege im Jahre 1936. Ich wurde nun durch Anwälte politisch verfolgter Juden in Deutschland aufgesucht und förmlich bestürmt, ihren Klienten doch Visa nach Paraguay zu erteilen. Ich suchte anfänglich diesem Ansturm zu entgehen, indem ich mich für diese Leute unsichtbar machte. Ich verreiste sogar mehrmals, um Ruhe vor diesen Leuten zu haben. Schließlich ließ ich mich doch dazu verleiten, Visa nach Paraguay an solche Leute zu erteilen. Dabei war ich der Meinung, mein Vorgehen sei rechtlich zulässig, es sei lediglich nicht korrekt der Regierung von Paraguay gegenüber."16

 

Am 9. November 1943 verstarb Chaim Israel Eiss, der im Zentrum dieser Hilfsbestrebungen gestanden hatte, in Zürich an einem Herzschlag. Einem Bericht zufolge, den Dr. Georges Kullmann – Adjunkt des Hochkommissärs für Flüchtlinge beim Völkerbund – im Februar 1944 verfasste, waren etwa 5-10.000 Pässe ausgegeben worden17. Abi Herz, der in Zürich mit der Enkelin von Eiss verheiratet war, erzählte Markus Blechner, ihr Sohn habe, als er nach Israel zog, das Archiv von Chaim Israel Eiss mit nach Jerusalem genommen.Abi Herz verschaffte Markus Blechner aber Einblick in einzelne Dokumente. Markus Blechner: "Er hat mir dann immer ein bisschen Material gegeben: Fotokopien, die er bekommen hat von [aus] Israel." Aus den Briefen im Eiss-Archiv ging für Markus Blechner deutlich hervor, dass neben Eiss und dem Polnischen Konsul Rokicki in Bern eine dritte Person eine große Rolle spielte: Julius Kühl, Botschaftsassistent für "jüdische Angelegenheiten", wie Kühl in seinen Memoiren für den engeren Familienkreis schrieb18. Die Dokumente weckten bei Markus Blechner Kindheitserinnerungen – sein Vater, Jakob Blechner, hatte Julius Kühl gekannt: "Weil ich das in den Dokumenten gelesen habe, die mir der Herz gegeben hat: das sind Briefe von Rabbiner Eiss an Herrn Kühl, meistens in Hebräisch." Plötzlich wurde ihm klar: "Das ist dieser Kühl, der an meiner Bar-Mizwa war, und ich war als Kind mit meinem Vater bei ihm in Bern! Das habe ich zusammen [gebracht]: das ist der gleiche Kühl. Ich habe gewusst: Der Kühl hat 'gearbeitet'; aber ich habe nie gewusst, dass er mit Pässen zu tun hat. Ich habe dann noch mehr herausgefunden. Mein Vater war auch involviert in den Pässen. Und das wusste niemand. Das wusste ich nicht. Mein Vater hat auf Anfrage finanziert und bezahlt: 750 Franken! Für einen paraguayanischen Pass – über Kühl, über die Legation [Polnische Botschaft] in Bern – für einen im Untergrund Lebenden in Warschau hat er das bezahlt. Das hat der [polnische] Botschafter [Jakub Kumoch] in Archiven in Israel gefunden. Mein Vater hat von dem nie gesprochen."

2016 war Jakub Kumoch als neuer Polnischer Botschafter in die Schweiz gekommen. Markus Blechner: "Und dann hat der Botschafter gesagt: 'Herr Blechner, wir müssen da vertieft reingehen.' Das war jetzt genau vor zwei Jahren – im Sommer [2017]. "Und er sagte: 'Herr Blechner, gehen Sie nach Jerusalem, eventuell komme ich sogar mit.' Er konnte dann nicht, aber seine Frau ist mit mir und zwei Journalisten aus Polen nach Jerusalem gefahren." In der Wohnung des Sohnes von Herrn und Frau Herz durften sie das Eiss-Archiv sehen: "Teils war's in Kartons, teils war's schon sortiert – weil … die Familie Herz wollte eigentlich ein Buch schreiben über die ganze Geschichte. Aber geh hin und schreib ein Buch! Ein Buch schreiben kostet Geld, da musst du jemanden haben …" Schließlich gelang über Markus Blechner der Ankauf für das Auschwitz Museum. Die Übergabe erfolgte in Zürich am 7. August 2018 – im Konferenzzimmer von Honorarkonsul Blechner an der Stadelhoferstraße, direkt hinter dem "Baumwollhof", in dem einst der legendäre Zürcher Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum und seine Frau, die Schriftstellerin Aline Valangin, ihren Salon hatten, in dem nach 1933 viele Emigranten Aufnahme gefunden hatten … 

 

Chronik der weiteren Ereignisse:

- Am 28. September 2018 wurde das Eiss-Archiv in der Polnischen Botschaft in Bern erstmals ausgestellt; der Polnische Kulturminister Piotr Tadeusz Glinski verlieh bei dieser Feier Markus Blechner einen Orden;

- vom 27. September bis 7. Oktober 2018 wurde das Eiss-Archiv im Polenmuseum in Rapperswil gezeigt;

- am 9. Oktober 2018 erhielt der Polnische Konsul Konstanty Rokicki, der in der Rettungsaktion mit den Pässen maßgebend eingebunden war, in Anwesenheit des Polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda auf dem Friedhof Friedental in Luzern einen Grabstein und eine offizielle Ehrung;

- am 16. Dezember 2018 wurde das Eiss-Archiv in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) vorgestellt;

- vom 24. Januar bis 1. Februar 2019 war es an der UNO in Genf (Palais des Nations) zu sehen, unter dem Titel "Passports for Life";- im Februar 2019 wurde das Eiss-Archiv im Präsidentenpalast in Warschau gezeigt; der Polnische Staatspräsident Andrzej Duda hielt eine Ansprache;

- seither befindet sich der Eiss-Nachlass im Auschwitz Museum und wird dort wissenschaftlich aufgearbeitet;

- Januar 2019: Dokumentarfilm von Robert Kaczmarek: "Passports to Paraguay"; er wird seither weltweit aufgeführt – und ist auf YouTube zu sehen.

 

Weiterführende Literatur:

 

- Zur Geschichte der Familie Blechner: "Ich lebe! Das ist ein Wunder. Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust" (unter Mitarbeit von Michael Brenner, Anthony Blechner, Stefanie Lenz, Doris Seidel, Alexa-Romana Hoffmann, Diana-Patricia Hoffmann, Edith Koller, Lisa Mayerhofer, Evelyn Safian und Utta Bach), herausgegeben vom Stadtarchiv München, München 2001; zwei andere Onkel von Markus Blechner überlebten im Exil: der jüngste der vier Blechner-Brüder, Leon (geboren 1916) konnte am 23. März 1938 in Hamburg auf der "Washington" einschiffen; am 1. April 1938 traf er in New York ein (S. 179); Oskar Blechner (geboren 1911) fand nach einer langen Irrfahrt Aufnahme in England; er war einer der Passagiere auf dem Schiff St. Louis, das am 13. Mai 1939 in Hamburg ablegte, aber nach der Atlantiküberquerung sowohl vor Kuba wie vor der Küste abgewiesen wurde und am 6. Juni 1939 nach Europa umkehren musste (S. 117ff).

 

- zu den Rettungsanstrengungen in der Schweiz für die Verfolgten: Joseph Friedenson/ David Kranzler, Heroine of Rescue. The incredible story of Recha Sternbuch who saved thousands from the Holocaust, New York 1984; Jacques Picard, Die Schweiz und die Juden 1933-1945: Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994;

 

- zur Lage in Warschau: Hillel Seidman, Du fond de l'abîme. Journal du ghetto de Varsovie, Paris 1998;

 

- zum Paraguayischen Honorarkonsul Rudolf Hügli, zu Julius Kühl und anderen Helfern und Helferinnen sowie zum deutschen Agentenring: siehe, vom Verfasser, im Magazin der Basler Zeitung, 24. April 1999: "Der Verrat von Vittel. Wie fiktive Pässe aus Übersee hätten vor der Deportation retten sollen"; die Vorgänge hat der Verfasser 2010 in seinem Roman "Geheime Agentin" geschildert (BasisDruck Verlag, Berlin, 2010; umfangreiche historische Anmerkungen dazu auf geheimeagentin.de.

 

- zu Chaim Israel Eiss: Der israelische Historiker Chaim Shalem verfasste 2005 einen umfangreichen Artikel über Chaim Israel Eiss: "Remember, there are not many Eisses now in the Swiss market": Assistance and Rescue Endeavors of Chaim Yisrael Eiss in Switzerland, in: Yad Vashem Studies, Nr. 33, Jerusalem 2005, S. 347-379.

 


 

  1 Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust, S. 98.
  1a Mündliche Auskunft von Honorarkonsul Markus Blechner, Zürich.
  2 Schicksal einer Münchner Familie, S. 56, 158.
  3 Digitale Aktensammlung Bad Arolsen/Hessen: "Arolsen Archives. International Center on Nazi Persecution" – Nachfolgeorganisation des "Internationalen Suchdienstes"/"International Tracing Service".
  4 Schicksal einer Münchner Familie, S. 60f.
  5 ebd. S. 60f.
  6 ebd. S. 57.
  7 ebd. S. 162.
  8 ebd. S. 82.
  9 Präsentation von Markus Blechners Cousin Mark Blechner, Boston, an der UN in New York 2015 anlässlich von Yom Hashoah (Holocaust Remembrance Day).
10 Frankfurt am M., 1981, S. 93. (amerikanische Ausgabe: "Less Than Slaves. Jewis Forces Labor and the Quest for Compensation, Harvard University Press 1979).
11 Schicksal einer Münchner Familie während des Holocaust, S. 57, 163 und 175.
11a "Ich lebe! Das ist ein Wunder", München 2001, S. 102.
12 Schweizerisches Bundesarchiv, Bundesanwaltschafts-Dossier Rudolf Hügli (geb. 1872), Signatur: E4320B#1990/266#4140*.
13 Chaim Schalem, "Remember, there are not many Eisses now in the Swiss market": Assistance and Rescue Endeavors of Chaim Yisrael Eiss in Switzerland. In: Yad Vashem Studies, Nr. 33, Jerusalem 2005. - S. 373, Anm. 94.
14 Schweizerisches Bundesarchiv, Dossier Josef Miller, Signatur E4320B#1987/187#1820* sowie E4320B#1987/187#1821*.
15 S. 44f.
16 Gaston Haas, "Wenn man gewusst hätte, was sich drüben im Reich abspielte …". 1941-1943. Was man in der Schweiz von der Judenvernichtung wusste, Basel 1994, S. 109f.
17 Chaim Shalem, "Remember, there are not many Eisses", S. 376.
18 Archiv für Zeitgeschichte, Zürich, ETHZ, S. 25.

 

 

One year later. The Christmas Attack in Berlin on December 19 th , 2016 *

 

 

By Peter Kamber (translated by Carrie Asman)

 

We met in a tango class. A few years back. She always had a witty reply on the tip of her tongue. I knew she also danced flamenco, that she worked in fashion design and had a daughter. Since then birthday greetings appeared twice on Facebook. Then, out of nowhere, came a call early one morning. I bolted from my bed after the first ring, reaching the phone just in time. At first there was only the sound of a voice choked by tears. She was saying that her father was one of the victims hit by the truck on Breitscheid Square two nights before. The Christmas Market Attack, so it was called throughout the world after news came in from Berlin on the eve of December 19 th , 2016. She said she had just read my Facebook post describing the aftermath and decided to call.
I first heard about the bloodbath through a call from Paris two hours after it happened. Yes, I’m fine, I answer, a little perplexed by the concern, I live 10 minutes away. Just before the break of day I ride my bike to Breitscheid Square in the heart of downtown West Berlin, where the massacre has taken place. On the way, I pass a young guide at a school-crossing wearing a neon yellow jacket, deftly slicing the cold thick air with fore- and backhand strokes as if the signal disc in his hand were a tennis racket.
The area around the square has been cordoned off and traffic is blocked. Relay trucks stand in front of the Aquarium at the Zoological Garden. I take a detour. The Christmas Market rubble is flanked by the fragmented spire of the Memorial Church that rises up in the early morning sky. Severely hit by allied bombs during the Second World War, it is an emblematic icon for Berlin reminding inhabitants and visitors of the need for peaceful co-existence.

Red and white plastic police tape encircling the uniform wooden stands of the market corresponds oddly with the brightly painted red and white striped roofs of the wooden shacks. In front stands a police car with a flickering blue light. Aside from the intermittent stuttering diesel motor of an emergency service truck, there is only silence. A kiosk opens and a man says excuse me as he rolls out his rack filled with picture postcards, I am standing in the way. The electricity still functions at the empty Christmas market – “Mulled Wine here” continues t o glow in crystalline letters over a striped roof while two reindeer pull a sleigh wrapped in a violet colored chain of lights.
A passerby carrying flowers in his hands looks for a place to put them down in front of the Memorial Church. The narrow traffic island at the beginning of Kurfürstendamm, where some candles are already burning, offers itself as a possibility. Walking on foot to the left up Kurfürstendamm and then turning twice to the right, I reach the narrow street used by the assailant behind the high-rise hotel. The right lane is blocked by a two-story row of gray construction barracks covered with advertising that probably forced the driver to change lanes. From there it is only a hundred feet to the square now blocked by portable walls with a plastic cover obstructing the view. Even so, the narrow path of destruction is easy to discern – wooden roofs torn asunder, roof coverings hanging down into nothingness. The skewed semitrailer with the long, deep black loading space points in an acute angle to Budapester Street. The tailgate is silver. The driver lost control of the vehicle as soon as it hit the sidewalk. “A blessing in disguise,“ was the thoughtful comment of a subdued man in white jogging pants who was from the press but had come unofficially.
Candles and flowers begin to collect in front of the Zoo Palast as well, if only just a few. A female news reporter stands in the light of a camera. Another one shivers without a coat as she waits before going on the air. I hesitate to light my square white candle in front of the cameras waiting to capture everything immediately on film. I want to come back. As I turn around, I see a shivering hurdy-gurdy man standing on the street grinding out a tune, a little dog tucked into the front opening of his coat keeps both of them warm. On my way back I notice the flowers have already been moved from the traffic island and placed around an outdoor advertising pillar on Kurfürstendamm. The new arrangement is less personal and besides, someone has stained the sidewalk with spilled coffee. Soon, another field of flickering lights will appear on the doorstep of the church. On a large empty envelope I write a note to place under the candle with a black felt-tipped pen, “Only peace can stop the insane spiral of revenge and hate,” but on this cold morning amidst the ghostly scenery, no one is in the mood for messages like this.
Instead I later write a note on Facebook, and return that evening around 11 p.m. There are only a few cameras left. Behind the Memorial Church the Square with the Christmas Market is partly accessible again. A third field of candles covering roughly 5 square meters has grown next to the entrance gate of the market covered with silver Christmas tree balls. Police guards stand as a deterrent behind the blocked area ready to shoot. The wick of my candle with the text beneath has sunken deep into the wax protecting the flame from the wind. It’s now possible to walk along some of the closed Christmas market stands. Surveying the scene it appears that if the truck had not careened out of control, it would most likely have decimated dozens more of the wooden stands, eventually reaching the polyp-shaped children’s carrousel with arms that raise and lower the helicopters, baldachin-covered fantasy boats while twirling them in a circle. The glass windows of the skewed truck are covered by a fine web of cracks that probably prevented the attacker from seeing much of his own destruction. The memorial candles at this location are all red or white except for one that is blue. Taken as a whole, the three flickering fields of lights now form a triangle, outlining an area that is already packed with history. The first field of lights near the Zoo Palast, located only 50 meters away from the destroyed Christmas Market, is also where Goebbels once premiered his propaganda films, and the second field of lights located on the steps of the Memorial Church is also the place where countless soldiers rushed into marriage, not knowing whether they would return from the front.
The next day I post something short on facebook again. Why not, if I am living in Berlin, I thought, it’s only words. She reads the text I am sharing with others three days later, early in the morning of the 22 nd ,... A the end of our long conversation she ends by saying, “I am going to hang up now.” I write her a poem in response – Sound of Sorrow / Klang der Trauer. She answers the same day. I am happy that despite her grief she still has the presence of mind to correct my spelling. She adds, “The state has left us alone since Monday night.“ I write back and she answers on the 30th of December: “The authorities are a catastrophe – I have a choice of three numbers to call if there is a problem.“ I respond asking for permission to come to the memorial ceremony, assuring her to be discreet. She doesn’t want any media. “We want to first bury everyone in PEACE.“
Three weeks later she asks if I still want to come. “It will be a difficult day for me,“ she says, “I have a moderator because I’m not sure I can do it.“ When the colored memorial invitation arrives, I see him for the first time. On vacation, wearing sunglasses on a hill high above the ocean. His face is turned towards the camera, and framed by a shock of thick white hair and full of wrinkles from laughter. Wearing a tank top with wide red and white stripes, he is sitting in a dry white bathtub once used by grazing animals as a drinking trough. To the right of the photo four lines from Eric Clapton are printed in smokey blue, “Beyond the door/ there’s peace for sure /and I know there’ll be no more/ tears in heaven.“

As I open the door of the memorial hall, I am freezing cold and a little late. It’s a long way to go by bike from West Berlin to the Southeastern edge of he City. I hear a woman say: “...by profession he taught chemistry which he studied in Dresden. After the reunification he got a job in a branch office for a company that manufactured construction materials.” The woman leading the ceremony from the funeral home is as serious and empathetic as a pastor and quotes from verse devoid of any theology. Born in Görlitz, as a child he was given a red roller with inflatable tires, a so-called air roller. Mine was red too, I think. Finally Led Zeppelin’s “Stairway to Heaven“ is played. The partner of the deceased man, who gazes over at us from a colored poster on the wall next to the flower wreaths, is not the only one who cries, without losing composure as she walks down the center aisle. Only now do I see the dance partner and facebook friend who follows wearing a broad-brimmed black hat and is accompanied by her school-aged daughter.

After the urn has been buried we warm ourselves up in the foyer of a nearby theater with coffee and soup. Images are projected onto the wall in slow succession that show him, one of the victims of that “twelve-fold murder on Breitscheid Square“, to put it in the words of his nephew, who has just sat down with me at a table. His uncle must have died immediately – he stood with his back to the small passage between the stands not far from the rear glass brick wall of the new Memorial Church. “His spinal column was hit full on, he did not feel any pain.“

Now the daughter sits behind at the microphone. “The shock went deeper, the circle of traumatized people includes not only the wounded, the rescue team, but also the police as well as innocent bystanders.“ A brother-in-law describes softly how she, as daughter of the victim, was informed by telephone the next morning. He then drove with his wife, the sister of the deceased to Berlin where they together told the granddaughter when she came home from school.

We hear about the plan to join together with the other mourners of victims until those responsible for the failure on the part of the authorities have been named. She talks about the anger that sporadically overcomes her. This is the only reference to the perpetrator. Next to her at the table under the broad wall with the changing pictures, her father’s partner takes a seat wearing a red wool dress similar to the one worn by Natalie Portman on the poster of the film “Jackie“ which opened in the cinemas a week before.

The daughter asks everyone personally to share how they know her father – at this point her father’s partner goes back to the tables. When my turn comes toward the end, I confess that I’m meeting him now for the first time through these pictures, but that I believe I have a feeling for how he was. One of the pictures shows him sitting in midst of dandelions in a field that slightly slopes upwards behind him. “That was in Southern Tyrol last year,” his partner tells me a few hours later after all the meatballs, eggplant and Paprika as well as the dessert have long been finished. In the background, the color images continue to change in such a measured rhythm that despite the numerous repetitions an atmosphere of inner peace slowly begins to spread throughout the room bringing everyone just a little bit closer.

I ask her where the picture on the obituary card came from – the one with him in the empty bathtub and the blue ocean below that keeps appearing enlarged on the wall. “I took it in the Azores,” she said. He always played along whenever she raised her camera. He would stick his head in a branch of thick red blossoms so that it looked as if he were wearing a wig of flowers, or he would pose in front of a palm or a cactus-like plant, placing the garland in his hair so that it seemed as if prickly antennae were growing out of his head. He had a predilection for theatricality, imitating figures on posters and statues in moss covered gardens or sprayed pictures on the wall.

They had already booked a flight for late December – which would have been a few days after their visit to the Christmas Market. “He loved to travel.” He was born in 1951 and had only just retired. They were standing at a tall bistro table just before it happened. He said, ‘come stand across from me so that I can look into your eyes.’ He liked this so much. Without realizing it, he saved my life.” She has recovered from all the minor injuries, “but not from the mental ones.” She is a nurse herself and has no illusions. “I felt like I was where I wanted to be, with him, and hoped it would continue this way forever.”

The tables are moved together, so that everyone can talk. The conversation shifts, reflecting also on how a world history that has gone awry plays itself out in private everyday lives. Now, as the evening draws to an end, only relatives and close friends remain and I sense that it is time for me to leave.

 

 

 

For a German version see post before / Deutsche Version im vorigen Post.

 

 

 

Erzählung eines Augenblicks *

 

Wir kannten uns von einem Tanzkurs. Das war Jahre her. Tango. Sie machte auch Flamenco, wusste ich. Grafik und Mode vereinte sie in ihrem Beruf. Nie um einen Scherz verlegen. Eine Tochter hatte sie. Zweimal noch kamen Geburtstagswünsche auf Facebook. Dann, wie aus dem Nichts, frühmorgens, dieser Anruf, der mich schon beim ersten Klingeln aus dem Bett springen ließ. Tränenerstickte Stimme, sonst kein Laut, zuerst. Sie sei eine der Betroffenen – ihr Vater: überfahren. Vom Laster auf dem Breitscheidplatz. Zwei Nächte lag es zurück. Das Weihnachtsmarkt-Attentat. So nannte es gleich die ganze Welt. Montag, 19. Dezember 2016, circa 20 Uhr. Nacht in der hellerleuchteten Stadt. Sie habe gelesen, was ich schrieb, sagte sie. Ich begriff erst. Auf Facebook …
Ich hatte damals einen Anruf aus Paris erhalten, nur zwei Stunden nach der Bluttat. Vom Anschlag hörte ich so erst. – Ja, mir gehe es gut. Mich verblüffte diese Sorge. Sagte: »Ich wohne zehn Minuten entfernt.«
Noch vor Tagesanbruch fuhr ich hin. Mit dem Rad. Unterwegs sah ich einen kleinen Schülerlotsen in gelber Leuchtjacke. Mit der Signalkelle spielte er in seiner Fantasie Tennis. Vor- und Rückhandschläge. Der Verkehr am Platz war abgesperrt. Übertragungswagen standen vor dem Zoo-Aquarium. Ich nahm einen Umweg.
Der seit dem Zweiten Weltkrieg geknickte Turm Gedächtniskirche ragt in die Morgendämmerung, Sinnbild der Stadt, die sich der friedlichen Koexistenz aller mit allen verpflichtet fühlt. Rot-weiße Plastikbänder der Polizei ziehen sich um die uniformen Buden des Weihnachtsmarkts, gleichen farblich seltsam den rot-weiß gestreiften Einheitsdächern der kastanienbraun gestrichenen hölzernen Verkaufsstände. Das Blaulicht des kleinen Streifenwagens davor flackert. Der Dieselmotor eines Einsatzfahrzeugs rattert. Sonst herrscht Stille. Ein Kiosk öffnet. Der Mann sagt »Entschuldigung« und rollt Ansichtskarten-Ständer hinaus. Ich stehe im Weg. Die Stromversorgung auf dem leeren Weihnachtsmarkt funktioniert noch: »Glühweintreff« leuchtet in kristallinen Buchstaben über einem gestreiften Dach – zwei Rentiere ziehen einen Schlitten, der mit einer violetten Leuchtkette umwickelt ist.
Ein Passant hat Blumen in der Hand und sucht nach einer Möglichkeit, sie niederzulegen. Die schmale Verkehrsinsel bietet sich an, wo der Kurfürstendamm beginnt. Da brennen auch schon einige Kerzen.
Zu Fuß linksrum in den Ku’damm, dann zweimal rechts und ich bin in der schmalen Straße hinter dem Hochhaus-Hotel, die der Täter benutzte. Eine zweistöckige Reihe grauer, von Werbung eingehüllter Baubaracken versperrt die rechte Fahrspur. Er hat auf die andere wechseln müssen. Von da sind es noch hundert Schritt. Die Polizei umzäunte den Platz mit Stellwänden. Die weiße Plastikbespannung nimmt die Sicht. Die Schneise der Zerstörung ist trotzdem erkennbar: aufgerissene Holzdächer, ins Leere hängende Dachplanen. Der Sattelschlepper mit dem langen, tief schwarzen Laderaum ragt – leicht schief – in spitzem Winkel in die Budapesterstraße. Die Ladeklappe am Heck ist silbern. Offenbar verlor er beim Aufprall gegen den Gehsteig sofort die Kontrolle über das Fahrzeug. »Glück im Unglück«, sagt ein Mann in weißen Trainingshosen, nachdenklich und bedrückt. Er sei »von der Presse, aber privat hier«.
Schräg vor dem Kino »Zoo Palast« gibt es ebenfalls schon Kerzen und Blumen, wenn auch erst wenige. Eine Reporterin steht im Kamera-Licht. Eine andere fröstelt, ohne Mantel, wartend, bis sie wieder auf Sendung ist. Ich zögere, meine mitgebrachte viereckige weiße Kerze zu entzünden, da Fotoapparate und Kameras sofort alles festhalten. Ich will wiederkommen. Kehre um. Auf dem Ku’damm steht ein frierender Drehorgelspieler, der, um sich zu wärmen, einen kleinen Hund im Mantelausschnitt trägt. Von der Verkehrsinsel bei der Gedächtniskirche sind die Blumen auf den breiten gegenüberliegenden Platz getragen worden, um eine Litfaßsäule herum. Die Anordnung verlor ihren persönlichen Charakter. Außerdem hat jemand einen Becher Milchkaffee verschüttet.
»Nur Friede stoppt die Wahnsinnsspirale von Rache und Hass«, hatte ich mit schwarzem Filzstift auf einen großen leeren Briefumschlag gemalt, den ich unter die Kerze schieben wollte. Aber an diesem kalten Morgen vor der gespenstischen Szenerie ist niemandem nach Sprüchen zumute.
Ich schreibe stattdessen etwas auf Facebook. Abends gehe ich wieder hin. 23 Uhr. Es gibt nur noch vereinzelte Kameras. Hinter der Gedächtniskirche, bei der Ampel an der Budapester Straße, ist der Beitscheidplatz nun wieder begrenzt zugänglich. Auf etwa fünf auf fünf Metern dehnt sich ein Feld mit Kerzen und Blumen, direkt beim aus silbernen Tannenbaumkugeln bestehenden Eingangstor des Marktes. Dahinter beginnt die Sperrzone. Schussbereite Beamte hinter der Abschrankung. Meine Kerze hat bereits einen tief eingebrannten Docht. Das schützt die Flamme gegen den Wind. Der Text liegt darunter. Es ist möglich, entlang einiger der geschlossenen Stände zu gehen. Ich sehe: wäre der Wagen nicht gleich ausgeschert, er hätte noch Dutzende weiterer Buden zerstört, würde am Ende bis zum polypenhaften Kinderkarussell gekommen sein, das an Armen, die sich heben und senken, Helikopter und Fantasie-Boote mit Baldachinen im Kreis herum führt. Die Glasscheiben des LKW sind zersplittert. Ich vermute: der Attentäter sah nicht mehr viel. War sozusagen blind gegen das, was er anrichtete.
Die Kerzen sind bis auf eine einzige blaue weiß oder rot. Wieder diese Weiß-Rot-Kombination. Dasselbe Flackern vor dem »Zoo Palast« und vor der Kirche, an diesem Ort, der oft schon Zeitgeschichte ganz unmittelbar erfahren hat.
Am folgenden Tag stelle ich wieder etwas Kurzes auf Facebook ­– wenn ich schon in Berlin lebe, dachte ich. Nur Worte. Das, was ich da mit anderen teile, sieht sie erst am frühen Morgen des 22. Dezember.

»Ich lege jetzt auf«, so beendet sie das lange Gespräch. Ich schreibe ihr darauf ein Gedicht. Sie antwortet selben Tages: »Nur Albtraum solltest du mit ›b‹ schreiben«. Ich bin froh, dass die Trauer nicht alles überdeckt. Sie fügt hinzu: »Der Staat lässt uns seit Montagnacht allein.«
Ich schreibe ihr wieder. Sie antwortet am 30. Dezember: »Die Behörden sind eine Katastrophe«, sie dürfe »zwischen drei Nummern« auswählen, »wo ich anrufen kann, wenn ich dann ein Problem habe«. Presse will sie nicht. »Wir möchten gern erst alle in Frieden begraben.« Frieden schrieb sie in Großbuchstaben. – Ich antworte: »Wenn ich ganz still und am Rande an die Trauerfeier kommen darf, würde ich das gerne tun.«
Drei Wochen später fragt sie nach: »Möchtest du eine Einladung?« Es werde für sie »ein sehr schwerer Tag werden«, sie habe »eine Moderatorin, weil ich nicht weiß, ob ich es schaffen werde«. Als die farbige Trauerkarte eintrifft, sehe ich ihn erstmals: mit Sonnenbrille im Urlaub, auf einem grünen Hügel hoch über einer Meereskulisse unter ihm. Er wendet den Kopf mit dem kräftigen weißen Haar und den Lachfalten zur Kamera, sitzt schalkhaft in einer trockenen, weißen Badewanne, die den Weidetieren als Viehtränke diente, und trägt ein schulterfreies Leibchen mit breiten … rot-weißen Querstreifen. Daneben im dunstigen Blau vier Zeilen von Eric Clapton: »Jenseits der Tür/ gibt es Frieden, ich bin sicher./ Und ich weiß, es gibt keine/ Tränen im Himmel.«
Wie ich die Tür der Gedenkhalle öffne, bin ich durchfroren, nass und komme etwas zu spät. Es ist weit mit dem Fahrrad vom Westen zum Stadtrand im Südosten. Von Beruf war er pädagogischer Fachlehrer der Sparte Chemie, das hatte er in Dresden studiert, fand nach der Wende eine Stelle im Außendienst eines Baustoffkonzerns. Die Bestatterin, ernst und mitfühlend wie eine Pfarrerin, führt mit Gedichtversen und ohne jegliche Theologie durch die Zeremonie. Geboren ein paar Kilometern außerhalb von Görlitz, bekam er als Kind einen roten Roller mit aufpumpbaren Reifen geschenkt, einen damals so genannten Luftroller. Meiner, denke ich, war auch rot. Zuletzt wird »Stairway to Heaven« eingespielt, von Led Zeppelin. Die Lebensgefährtin des Mannes, dessen Gesicht aus einem Farbposter neben den Blumenkränzen zu uns blickt, ist nicht die Einzige, die, wenn auch gefasst, weint, wie sie im Mittelgang der Halle an uns vorbeikommt. Jetzt erst sehe ich die gute Tanzkollegin und Facebook-Freundin. Sie trägt einen breiten schwarzen Hut. Neben sich ihr Kind, ein Mädchen im Schulalter.
Nach der Beisetzung der Urne können wir uns im Foyer eines nahen Theaters aufwärmen. Kaffee. Suppe. In langsamer Folge werden Bilder gegen die Wand projiziert, die ihn zeigen – eines der Opfer jenes »zwölffachen Mordes am Berliner Breitscheidplatz«, wie sein Neffe sich mir gegenüber ausdrückt. Wir haben am selben Tisch Platz genommen. Er erklärt, sein Onkel müsse augenblicklich tot gewesen sein – mit dem Rücken stand er zur Gasse zwischen den Verkaufsständen, unweit der Glasziegelwand des modernen Neubaus der Gedächtniskirche: »Das Rückgrat wurde voll getroffen, er hat den Tod nicht gespürt.«
Die Tochter sitzt nun vor einem Mikrofon. »Der Schock ging schon ein bisschen tiefer«, sagt sie, der Kreis der Traumatisierten umfasse auch »die Verletzten, die Rettungskräfte, die Leute von der Polizei und die zufällig Hinzugekommenen«. Ein Schwager des Verstorbenen schildert leise, wie sie, als Tochter des Opfers, im Laufe des Morgens danach telefonisch informiert wurde. Er sei dann mit seiner Frau – der Schwester des Betrauerten – sofort zu ihr nach Berlin gefahren. Zu dritt hätten sie es der Enkelin des Toten behutsam mitgeteilt, als sie vom Unterricht kam.
Wir hören: Sie werde sich mit anderen Trauernden zusammentun: »Bis die Verantwortlichen des Behördenversagens benannt sind.« Sie spricht von der »Wut, die sie zeitweise erfasse«. Das ist die einzige Anspielung auf den Täter. Neben ihr, unter der breiten Wand mit den gemessen wechselnden Bildern des Vaters, nimmt auch dessen Lebenspartnerin Platz, die ein Wollkleid in ähnlichem Rot trägt wie Natalie Portman auf dem Plakat des Filmes »Jackie«, der vorige Woche in die Kinos kam. Die Tochter spricht alle Anwesenden persönlich an, bittet zu erzählen, woher sie ihren Vater kennen – und die Lebenspartnerin des Toten geht zurück zu den Tischen. Wie die Reihe gegen Ende an mir ist, gestehe ich, ihn erst durch die Bilder kennengelernt zu haben. »Ich glaube aber bereits zu fühlen, wie er war.«
Eines der Bilder zeigt ihn sitzend auf einer mit Löwenzahn übersäten Wiese, die hinter ihm leicht ansteigt. »Im Südtirol, letztes Jahr«, sagt mir ein paar Stunden später, als längst auch Buletten, geröstete Auberginen und Paprika sowie ein Nachtisch gereicht worden sind, die Lebenspartnerin. Noch immer folgen sich auf der Wand die Farbfotografien, in vielfach wiederholter, aber so bedächtiger Abfolge, dass in diesem Raum eine große innere Ruhe entstanden ist, die alle einander näher rücken lässt.
Ich frage sie, wo das Bild von der Trauerkarte entstand, das auch jetzt immer wieder mal vergrößert aufscheint: mit ihm in der leeren Badewanne, unter sich das Blau des Meeres.
»Auf den Azoren«, sagt sie. Sie hat fotografiert. Er zog stets mit, wenn sie die Kamera hob: steckte seinen Kopf in einen dichten roten Blütenstrauch, was so wirkte, als trüge er eine Blumenperücke; oder er stellte sich vor eine palmen- oder kaktusähnliche Pflanze, deren Kranz sich so um sein Haar legte, als wüchsen ihm stachlige Antennen auf dem Kopf. Er hatte starke schauspielerische Neigungen – imitierte Plakatfiguren, Statuen in moosüberwachsenen Gärten oder gesprayte Wandbilder.
Für den späten Dezember, wenige Tage nach dem gemeinsamen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, hätten sie wieder einen Flug gehabt. »Er liebte es zu reisen.« Mit Jahrgang 1951 war er eben erst »Pensionär« geworden.
Sie standen, erzählt sie schließlich, an einem »Brottisch«, als es geschah. »Dann sagte er: ›Komm, stell dich mir gegenüber hin, damit ich dir in die Augen sehen kann.‹ Das mochte er so sehr. Damit hat er mir, ohne es zu wissen, das Leben gerettet.« Von den eigenen Verletzungen, die leicht waren, wie sie erklärt, hat sie sich erholt. »Nicht von den seelischen«, ergänzt sie. Sie ist selbst Krankenschwester, macht sich keine Illusionen. »Ich war angekommen mit ihm, dachte, das gehe jetzt immer so weiter.«

Tische werden zusammengeschoben. Wie sich verfahrene Weltgeschichte im Privaten niederschlägt, darüber wird auch gesprochen. Doch nun, gegen Ende der Trauerfeier, sind Verwandte und engste Freunde ganz bei sich. Ich spüre, es ist wohl besser zu gehen.

 

 

Gedenkort Breitscheidplatz, Foto

 

In memoriam Klaus Jacob - eines der 12 Opfer des Weihnachtsmarkt-Attentats vom 19. Dezember 2016; die Erzählung entstand im Sommer 2017 als Beitrag für den Wettbewerb um den Walter Serner-Preis des rbb-Kulturradios, Berlin. Eine gekürzte Fassung erschien am 25. Januar 2018 in der Nr. 799 des "A-Bulletin", Züriich. 

 

Wie der Politikwissenschaftler und Soziologe Prof. Armin Pfahl-Traughber am 26. Mai 2016 auf der Internetplattform haGalil.com („Jüdisches Leben online“) enthüllte, bezog sich der AfD-Vertreter im Landtag von Baden-Württemberg Wolfgang Gedeon abstruserweise in einem 2009 erschienenen Buch auf ein seit Jahrzehnten als Fälschung entlarvtes antisemitisches Pamphlet aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, nämlich die berüchtigte zaristisch-geheimdienstliche Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Gedeon aber behauptete, indem er die ganze historische Forschungsliteratur ignorierte: „Die Protokolle sind mutmaßlich keine Fälschung“.


Prof. Armin Pfahl-Traughber, der die Aufmerksamkeit auf Gedeons Anfälligkeit für diese längst überwunden geglaubte Verschwörungstheorie lenkte, ist Herausgeber des „Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung“ und bezeichnet die „Protokolle der Weisen von Zion“ als die „am weitesten verbreitete antisemitische Schrift“. Gedeon hatte sein dreibändiges Buch 2009 unter dem Pseudonym W. G. Meister veröffentlicht; es trug den Titel „Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“. Nach Bekanntwerden des Skandals spaltete sich die baden-württembergische AfD-Fraktion; der größere Teil der AfD-Mitglieder tritt seither ohne Gedeon als „Alternative für Baden-Württemberg“ auf; erst danach zeigte sich Wolfgang Gedeon bereit, vorläufig aus der Rest-AfD-Fraktion auszutreten, behält aber sein Landtagsmandat. „Der große Knall“, so titelte die „Stuttgarter Zeitung“ (6. Juli 2016) zu diesen Vorgängen innerhalb der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“. Der Berliner „Tagesspiegel“ (10. Juli 2016) zitierte unter dem Titel „AfD fürchtet den Zerfall“ den AfD-Mitbegründer Konrad Adam mit den Worten, der „öffentliche Machtkampf“ habe „ein existenzbedrohendes Ausmaß angenommen“. Der Ko-Vorsitzende der AfD, Jörg Meuthen, selbst Baden-Württemberger, der auf den Ausschluss Gedeons aus der Landtags-Fraktion gedrängt hatte und nun die Fraktion „Alternative für Baden-Württemberg“ anführt, erklärte dem „Tagesspiegel“ (10. Juli 2016): „Es ist eine existentielle Frage, ob es uns gelingt, uns glaubhaft von Extremismus und Antisemitismus abzugrenzen.“ Der „Süddeutschen Zeitung“ (21. Juni 2016) zufolge soll eine von der AfD bestimmte Kommission bis September 2016 prüfen, welche Konsequenzen die früheren Veröffentlichungen für den AfD-Abgeordneten Gedeon haben sollen. Bei einer Anhörung wird Wolfgang Gedeon, der von sich sagt, nicht antisemitisch zu sein (was ja nur zu hoffen ist), insbesondere die Frage beantworten müssen, wie um alles in der Welt er 2009 dazu kam, auf einen der übelsten Antisemiten der NS-Zeit, Ulrich Fleischhauer, hereinzufallen und im besagten Buch zu erklären, er halte „die Beurteilung Fleischhauers“ in Sachen „Protokolle“ – diesem fürchterlichen, damals im zaristischen Russland zu Pogromen führenden Pamphlet – „für plausibel“.

 

Für die besagte Kommission dürfte ein eben erst im Mai 2016 in der Schweiz erschienene Biografie eine zentrale Rolle spielen. In ihrem Buch „Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908-1973)“ hat die Historikerin Hannah Einhaus nämlich den zwischen 1933 und 1935 in Bern durchgeführten Gerichtsprozess gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ nochmals ganz neu aufgearbeitet. Zu diesem Prozess war es gekommen, nachdem Schweizer Nazi-Anhänger, die sich in u.a. in der „Nationalen Front“ und im „Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen“ organisierten, am 14. Juni 1933 im Berner Casino an einer Versammlung, in der sie „mit stramm ausgestrecktem rechtem Arm“ (Hannah Einhaus, S. 41) grüßten, auch „Exemplare des Pamphlets ‘Die Protokolle der Weisen von Zion‘“ verkauften. Die jüdische Gemeinde Berns sah, so die Historikerin Hannah Einhaus, „den Zeitpunkt gekommen, rechtlich gegen die Frontisten vorzugehen“. Dafür bot das bernische Recht eine Grundlage: Es verbot nämlich in Artikel 14 sogenannte „Schundliteratur“. Hannah Einhaus ( S. 44): „Verboten war demnach ‘die Drucklegung, der Verlag, die Feilhaltung, der Verkauf, die entgeltliche Ausleihe, die öffentliche Ausstellung und Anpreisung sowie jedes andere Inverkehrbringen von Schundliteratur, insbesondere von Schriftwerken, deren Form und Inhalt geeignet sind, zur Begehung von Verbrechen anzureizen oder Anleitung zu geben, die Sittlichkeit zu verderben, das Schamgefühl gröblich zu verletzen, eine verrohende Wirkung auszuüben oder sonst wie groben Anstoß zu erregen.‘“ Der junge, am 21. Februar 1908 in Bern geborene Anwalt Georges Brunschvig führte vor Gericht die Klage, zusammen mit dem Berner Rechtsprofessor Hans Matti. Unterstützt wurden sie durch ein Aktionskomitee, das bereits im April 1933 gegründet worden war. Den „inneren Kreis“ der Kläger, so Hannah Einhaus (S. 45), bildete eine „vierköpfige Juristenkommission“, zu der neben Brunschvig und Matti auch der Anwalt Boris Lifschitz gehörte, der ursprünglich aus der Ukraine stammte und perfekt Russisch sprach, aber längst in der Schweiz eingebürgert war und „den Ruf eines Staranwalts“ besaß (Hannah Einhaus, S. 39/44). In Vorbereitung des Prozesses übernahm Lifschitz, so schreibt Hannah Einhaus (S. 45f) weiter, „die Aufgabe, Quellen und Beweise in Russland zu suchen, welche dazu beitragen sollten, die Echtheit der ‘Protokolle‘ in Frage zu stellen und die Fälschung zu entlarven.“

 

„Protokolle der Weisen von Zion“: seit 1921 als Fälschung bekannt

 

Der englische Journalist Phillip Graves hatte in einer Artikelreihe der „Times“ schon 1921 den Nachweis geführt, dass die „Protokolle“ gefälscht waren. Hannah Einhaus führt aus (S. 46): „Ein russischer Informant hatte ihm [Phillip Graves] eine französische Schrift ohne Buchdeckel überreicht, die 1864 anonym in Genf veröffentlich worden war. Im ‘Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu‘ stritten sich die beiden Philosophen in 25 Dialogen. (…) Der Text stammte aus der Feder des französischen Autors Maurice Joly. Mit diesem literarischen Kunstgriff verpackte er [Maurice Joly] seine bissige Kritik am Machthunger Napoleons III [1808-1873]. Der Informant zeigte, dass rund zwei Drittel der ‘Protokolle der Weisen von Zion‘ aus diesem Büchlein wörtlich abgeschrieben und auf Juden umgemünzt worden waren. Aus anderen Abschnitten war ersichtlich, dass die umgeschriebenen ‘Protokolle‘ und die ergänzenden Texte mehr als einen Autor haben mussten. Graves hatte den Fälschungsbeweis faktisch bereits erbracht. Doch dies verhinderte nicht, dass die ‘Protokolle‘ 1922 in einer von Theodor Fritsch herausgegebenen deutschen Übersetzung in Umlauf kamen. Brunschvig versuchte Graves als Zeugen für den Prozess zu gewinnen, musste sich aber mit einer eidesstattlichen Erklärung begnügen, mit der Graves seine Aussagen von 1921 bestätigte. In der Folge gelang es Brunschvig und Lifschitz, rund ein Dutzend Zeugen zu ermitteln und für Aussagen vor Gericht zu gewinnen.“


Die erste der insgesamt drei Hauptverhandlungen in Bern fand am 16. November 1933 statt. „Die erste Befragung der Angeklagten im November 1933“, so Hannah Einhaus (S. 47) verlief „ergebnislos“. Die Schweizer Frontisten scheiterten bei der Suche nach einem „Experten“. Hannah Einhaus (S. 46): „Der Fälschungsbeweis war demnach schon erbracht, doch die große Herausforderung bestand nun in der Suche nach der Urheberschaft.“ In einem russischen Buch, so notierte Brunschvig in einer persönlichen Notiz vom 8. Januar 1934, das ihnen Lifschitz übersetzte, stießen sie darauf, „wie der Fälschungsakt in Paris durch Agenten der Ochrana gemacht wurde“ (Georges Brunschvig, 8.1.1934). Hannah Einhaus weiter (S. 46ff): „Bei der Ochrana handelte es sich um den zaristischen Geheimdienst, der in Paris einen Ableger hatte, um die dortigen Exilrussen, oft Intellektuelle und Linke, zu observieren. (…) Bis Oktober 1934 hatten Brunschvig, Matti, Lifschitz und die weiteren Juristen alles bereit für die zweite Hauptverhandlung. Die Expertisen (…) waren geschrieben und die Zeugen aus Russland, Frankreich, Schweden, Rumänien, England, den Niederlanden und der Schweiz angereist, um über die Herkunft der ‘Protokolle‘ auszusagen. (…) Als ersten Zeugen führte Georges Brunschvig Chaim Weizmann, später Israels erster Staatspräsident, in den Zeugenstand.“ Bekanntlich behaupteten die „Protokolle der Weisen von Zion“, während des ersten Zionistenkongresses 1897 seien, so resümiert Hannah Einhaus (S. 43), „hinter verschlossenen Türen“ angeblich „Pläne für eine Weltherrschaft geschmiedet und in den ‘Protokollen‘ niedergeschrieben worden“. Weizmann hatte zwar nicht selbst am Kongress teilgenommen, doch kannte er alle wirklichen Protokolle des Kongresses. Hannah Einhaus (S. 48ff) über Weizmanns Aussage in Bern: „Nein, Geheimsitzungen habe es dort nicht gegeben, ein Plan zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft sei nie Thema gewesen, nur die Errichtung einer jüdischen Heimstätte. Alle Aussagen weiterer Zeugen zum Zionistenkongress deckten sich mit denen Weizmanns. (…) Still wurde es im Saal, als der Stockholmer Oberrabbiner Markus Ehrenpreis den Zeugenstand betrat. Er war an der Organisation des Zionistenkongresses beteiligt. ‘Diese ‘Protokolle‘ sind nicht nur eine Fälschung der Protokolle des Zionistenkongresses, sie sind eine Fälschung des Judentums, des jüdischen Volkes, seines Charakters, seines Lebens in 3000-jähriger Geschichte. (…) Jeder Einzelne von uns 16 Millionen Juden in der Welt ist in seiner tiefsten Ehre befleckt, verletzt durch diese schändliche Agitation, die gar nicht aufhört, von Land zu Land zu gehen.‘“

 

Zum Verlauf der zweiten Hauptverhandlung am 29. Oktober 1934 schreibt Hannah Einhaus (S. 50f):  „Über die Geschichte der ‘Protokolle‘ und deren Verbreitung in Russland sagte als Erster der französische Graf Armand Alexandre de Blanquet du Chayla aus. Er war 1909 nach Russland emigriert, zur griechisch-orthodoxen Kirche konvertiert und hatte mit einem gewissen Sergei Nilus einige Jahre im Kloster Optina Pustyn verbracht. Nilus war derjenige, der die ‘Protokolle‘ 1901 als Anhang der Publikation ‘Das Große im Kleinen, der herannahende Antichrist und das Reich des Teufels auf der Erde‘ und 1905 als eigenständige Publikation in Russland in Umlauf brachte. Laut du Chayla war Nilus ‘zwar ein intelligenter Mensch, aber ein Paranoiker, der von der Idee vom Nahen des Antichrist besessen war‘, und einer, der an übernatürliche Kräfte glaubte. Nilus habe ihm gestanden, der Leiter des russischen Geheimdienstes Ochrana in Paris, Pjotr Ratschkowsky, habe ihm die gefälschten ‘Protokolle‘ auf Umwegen zukommen lassen. An deren Echtheit habe Nilus wohl zeitweise selbst gezweifelt (…). Du Chayla bestätigte vor dem Gericht, dass die ‘Protokolle‘ zur Anstiftung von Pogromen dienten. Das Pogrom von Kischniew im Jahre 1903, die Pogrome zur Zeit der ersten provisorischen Regierung 1905, die Pogrome gegen Hunderttausende von Juden in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution von 1917 und die Pogrome nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken: immer wieder nannten die Zeugen die ‘Protokolle‘ als wichtige Quelle, um antisemitische Hetze gegen jüdische Sündenböcke zu schüren. Der jüdische Advokat Henri Sliosberg, noch zur Zeit des Zaren juristischer Berater im Innenministerium, schloss sich du Chayla an. Kurz nach 1900 erhielt er den Auftrag, eine Expertise über die ‘Protokolle‘ anzufertigen, und kam damals zum Schluss, dass Juden immer Sündenböcke gewesen seien, wenn irgendwo im weiten Russland etwas schiefging. (…) Nach seiner Meinung dienten die ‘Protokolle‘ dazu, die demokratischen Strömungen in Russland zu unterlaufen.“ Hannah Einhaus (S. 51f) weiter: „Was mit den ‘Protokollen‘ geschah, nachdem sie von Nilus nach Russland eingeführt worden waren, war im Gerichtssaal des Berner Amtshauses weitgehend klar geworden. Doch wie waren sie entstanden? Der Geheimdienstchef Ratschkowsky (…) ließ im Auftrag des Zaren Alexander III. die Exilrussen bespitzeln und arbeitete dabei eng mit dem Pariser Polizeichef zusammen. Dessen Frau führte einen Salon, in dem auch Russen verkehrten. Die Vermutung liegt nahe, dass Ratschkowsky dort ein- und ausging. (…) Wie die ‘Protokolle‘ entstanden, erfuhr das Publikum im Gerichtssaal durch die Aussagen des nächsten Zeugen, des russischen Rechtsgelehrten und Journalisten Sergei Swatikow. Ratschkowskys enger Mitarbeiter und Mitwisser Heinrich Bint hatte ihm in Paris die Details erklärt, berichtete Swatikow vor Gericht. Er ließ in der Befragung im Zeugenstand durch Brunschvig keine Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei den ‘Protokollen‘ um eine Fälschung handelt. Von der provisorischen Regierung 1917 war er als Polizeikommissar nach Frankreich geschickt worden, um die zaristische Ochrana aufzulösen. Im Pariser Büro habe ihm Bint den Hergang der Fälschung erklärt. Swatikow nannte das Werk von Maurice Joly ‘Dialog in der Hölle‘ als Vorlage für die ‘Protokolle‘ und bestätigte damit Philipp Graves‘ Darstellung in der Londoner ‘Times‘ vom Jahr 1921. ‘Die Protokolle sind eine Fälschung‘, äußerte er kategorisch, sie griffen die Nationalehre Russlands an. ‘Dies ist eine Lüge, eine Legende, eine Fälschung von dem Schurken Ratschkowsky hergestellt. Darum ist es für uns wichtig, zu hören, was dieses ganz unabhängige Tribunal des freien Volkes des freiesten demokratischen Landes zu dieser Sache sagen wird.‘“

 

Der furchtbare „Experte“ Ulrich Fleischhauer aus Erfurt 1934 im Berner Prozess

 

Auch bei dieser Hauptverhandlung sahen sich die Schweizer Nazi-Anhänger nicht in der Lage, irgendeinen Nachweis zu erbringen, der für das Pamphlet sprach. Hannah Einhaus schreibt (S. 54): „Nach langem, vergeblichem Suchen präsentierten sie am dritten Verhandlungstag doch noch einen Experten namens Ulrich Fleischhauer.“ Es war ein Oberstleutnant a. D. aus Erfurt, der dort „mit seinem ‘Weltdienst‘ eine wichtige Propagandamaschine des ‘Dritten Reiches‘ betrieb“. Das Berner Gericht hätte, so Hannah Einhaus (S. 54), „den Prozess noch gerne im selben Jahr [1934] abgeschlossen, doch bereits zeichnete sich ab, dass die Nationalsozialisten und Frontisten auf eine Verschleppungstaktik setzten. Mehrmals bat der Mann aus Erfurt um Fristverlängerung für seine Expertise, welche ihm der Richter auch gewährte. Erst im Mai 1935 konnte das Verfahren weitergeführt werden.“


Eben auf diesen Ulrich Fleischhauer – bis 1933 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, laut Wikipedia seit 1. April 1942 NSDAP-Mitglied – glaubte sich der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon 2009 berufen zu können. Gedeon, dem es als Arzt nicht am rein denkerischen Rüstzeug fehlen kann, scheint vor allem deswegen auf gedankliche Abwege geraten zu sein, weil er sich nicht an der anerkannten Forschung orientierte – es hätte genügt, dass er das 1988 auf Deutsch erschienene Buch von Hadassa Ben-Itto, „‘Die Protokolle der Weisen von Zion‘. Anatomie einer Fälschung“ gelesen hätte. Stattdessen hing er offenbar dem Irrglauben an, die Wahrheit der Geschichte sei in obskuren, abseitigen Schriften zu finden. Darin bestand die Dummheit, die Gedeon beging. Ob diese Voreingenommenheit ohne gebührende Entschuldigung mit verantwortungsvoller baden-württembergischer Landtagstätigkeit vereinbar ist, wird sich im September 2016 und bei den nächsten Wahlen erweisen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Prof. Armin Pfahl-Traughber (26.5.2016): „Er [Gedeon] beruft sich bei all seinen Aussagen aus zweiter Hand auf einen Johannes Rothkranz, einen katholischen Fundamentalisten, der durch verschwörungsideologische Publikationen mit antisemitischen Tendenzen bekannt geworden ist. Fleischhauers Auffassung zitiert der heutige AfD-Landtagsabgeordnete auf ganzen vier Seiten aus dessen Schrift.“ Die Schweizer Historikerin Hannah Einhaus beleuchtet in ihrer Brunschvig-Biografie den zweiten Auftritt von Ulrich Fleischhauer in Bern 1935 (S. 54f): „Faktisch überließen die Schweizer Frontisten den Gerichtssaal Fleischhauer und machten ihm den Weg frei für eine regelrechte Propagandashow nach Art des ‘Dritten Reiches‘. Fleischhauers Interesse galt auch weniger den Frontisten und ihrer Sache als seiner Chance auf einen großen Auftritt. Er wollte den Ton angeben auf der Bühne, die der Berner Gerichtssaal bot. So lancierte er im ‘Dritten Reich‘ eine groß angelegte Pressekampagne.“ Der dritte Gerichtstermin war auf den 29. April 1935 angesetzt. Bis dahin hatte Fleischhauer, so Hannah Einhaus (S. 55), „seine ‘Expertise’ zusammengestellt“.

 

Der Berner Anwalt Boris Lifschitz schrieb dem Berner Journalisten, Schriftsteller und Sozialdemokraten Carl Albert Loosli, der seitens der Kläger als Gerichtsexperte mitwirkte, in einem Brief vom 4. März 1935 (Hannah Einhaus, S. 55): „Als ich das famose ‘wissenschaftliche‘ Werk Fleischhauers erstmals in die Hände bekam“, habe er sofort gesehen, „dass der gute Mann einen furchtbaren Mist zusammengeschmiert hat, der keineswegs den Namen ‘Gutachten‘ verdient. Ich merkte aber zugleich, dass die ‘Arbeit‘ gar nicht für das Gericht und den Prozess (…) geschrieben wurde.“ Hannah Einhaus über die dritte Verhandlungsrunde 1935 (S. 57): „Experte Ulrich Fleischhauer ließ fünf Tage lang einen ‘Hagel von Beschimpfungen auf die Juden prasseln‘, schrieb die ‘Neue Zürcher Zeitung‘ am 7. Mai [1935]: Der Erste Weltkrieg, die Niederlage Deutschlands und die daraus entstandene Demütigung, die Versailler Verträge und der Völkerbund seien, so Fleischhauer, von Juden eingeleitet worden. Das Judentum setzte er mit dem Bolschewismus wie auch der Freimauerei gleich. Es beherrsche die globale Finanzwelt und sei eine minderwertige Rasse. Trotz der epischen Länge des Gutachtens ließ Richter Meyer Fleischhauer reden. (…) Noch während der Prozesstage publizierte Fleischhauers Hammerverlag in Erfurt eine neue Fassung der ‘Protokolle‘, mit Auszügen aus seinem Gutachten.“

Die 99-jährige Zeitzeugin Odette Brunschvig mit der Historikerin Hannah Einhaus, Autorin der Biografie "Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demo­krat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908-1973)", Chronos Verlag, Zürich 2016. - Bild: Peter Kamber, 25.6.2016

 

Odette Wyler, die spätere Frau von Georges Brunschvig, war damals 18-jährig und hörte sich, so Hannah Einhaus (S. 57), „Tag für Tag Fleischhauers menschenverachtende Propagandarede an. Ein Satz blieb ihr unvergesslich: ‘Judenweiber waschen ihre Kinder mit Spucke.‘ Dieser Ton Fleischhauers ging ihr nie mehr aus den Ohren. ‘Geschrien hat er im Stile Goebbels´‘, erinnert sie sich noch achtzig Jahre nach dem Prozess.“

 

Das Urteil im Berner Prozess

 

Richter Walter Meyer verkündete das Urteil am 14. Mai 1935. Hannah Einhaus (S. 60f): „Richter Meyer erhob sich, und es wurde still: Gegen das Argument der Pressefreiheit bemerkte er in seiner einstündigen Urteilsbegründung: ‘Die Pressefreiheit hört auf, wo die Gemeinheit beginnt. Es sei bewiesen worden, dass die ‘Protokolle‘ auf einer Vorlage des französischen Autors Maurice Joly beruhen; es gebe keinerlei Beweise, dass die ‘Protokolle‘ am Zionistenkongress in Basel beschlossen wurden. Auch die ‘innere Wahrheit‘ der ‘Protokolle‘, die angeblich auf dem Talmud basierten, sei von Oberrabbiner Ehrenpreis klar widerlegt worden. (…). Vor Fleischhauers Fleiß habe er größte Achtung, doch er schreibe aus den Büchern nur das ab, was für die Juden ungünstig sei. Ein Beweis für die Echtheit der ‘Protokolle‘ sei nicht erbracht worden. Die hetzerischen Stellen des Herausgebers Fritsch im Nachwort erfüllten den Tatbestand der Schundliteratur.“


Die angeklagten Schweizer Frontisten wurde freigesprochen, „da ihnen keine direkte Beteiligung an der Verbreitung der ‘Protokolle‘ nachgewiesen werden konnte“ (Hannah Einhaus, S. 61). „Der Richter schloss die Verhandlung mit den halb ernst, halb ironisch gemeinten Worten: ‘Ich hoffe, es werde eine Zeit kommen, in der kein Mensch mehr begreifen wird, wieso sich im Jahre 1935 beinahe ein Dutzend sonst ganz gescheiter und vernünftiger Leute vierzehn Tage lang vor einem bernischen Gericht über die Echtheit oder Unechtheit dieser sogenannten ‘Protokolle‘ die Köpfe zerbrechen konnten, dieser ‘Protokolle‘, die bei allem Schaden, den sie bereits gestiftet haben und noch stiften mögen, doch nichts anderes sind als ein lächerlicher Unsinn.‘“ (Hannah Einhaus, S.61).


Möge Gedeon, der die „Alternative“ am falschen, verhängnisvollen Ende suchte, die Entlarvung der „Protokolle“ als zaristisch-geheimdienstliche Fälschung im Berner Gerichtsprozess 1933 bis 35 zur Kenntnis nehmen und entsprechend verantwortlich handeln und schreiben lernen, denn Unsinn kann sich, mit Fanatismus verbunden, fatal auswirken. Noch immer. Leider.

 


 

Aus Anlass der Uraufführung des René Pollesch-Stücks "Bühne frei für Mick Levčik!" am Zürcher Schauspielhaus am 22. Mai 2016 hier ein bereits im Mai 2015 entstandenener Text von mir; in seinem neuen Stück bringt René Pollesch nach einer Idee des leider inzwischen verstorbenen Bert Neumann zusammen mit Barbara Steiner das Bühnenbild der Antigone-Inszenierung Bertolt Brechts aus dem Jahre 1948 zurück auf die Bühne (weitere Aufführungen: 30. Mai/ 8./17./21./26. und 27. Mai 2016)

 

 

„Und es ist Zeit für ein Theater der Neugierigen!“ (Brecht, „Antigonemodell 1948“)

 

Bertolt Brechts „Antigone“-Neufassung fiel bereits in den Kalten Krieg und sorgte für einen Theaterskandal – aus der geplanten Großtournee wurde nichts, denn die GeldgeberInnen sprangen ab. Als Quintessenz des Theaterexperiments schrieb Brecht noch gleichen Jahres in der Schweiz das legendäre „Kleine Organon für das Theater“. Werner Wüthrich schildert diese aus dem Bewusstsein geratenen Augenblicke der Theatergeschichte in einer minutiösen Rekonstruktion, die neue Denkräume eröffnet und dazu verführt, Brecht frisch zu lesen.

 

Die „Wirklichkeit zu zeigen“ sei „zum Genuss zu machen“, so formulierte Brecht 1948 seine eigenen Ansprüche bei der „Antigone“ in Chur. Das Thema der Sophokles-Tragödie nahm Brecht bitterernst: „die Rolle der Gewaltanwendung bei dem Zerfall der Staatsspitze“ wollte er als Regisseur aufzeigen, und zwar unverkennbar aus der Erfahrung des Zusammenbruchs des NS-Regimes. Gewalt, so notierte er in seinem „Journal“, erwachse aus der „Unzulänglichkeit“ (5.1.1948). Die „Struktur der Gesellschaft“ wollte er als „beeinflussbar“ zeigen („Das kleine Organon“, Nr. 33). Die Chancen für einen Erfolg standen nicht schlecht: Brecht war ein bekannter Autor, kehrte soeben aus dem Exil in den USA zurück, wo der McCarthy-Geist ihn vertrieben hatte, und Europa erwartete eine grundlegende Erneuerung der Kunst. Oder doch nicht?

 

Wiederbegegnung

 

Auf die „Antigone“ des altgriechischen Klassikers Sophokles war Brecht durch Zufall gekommen – doch der bringt nicht immer Glück, wie Werner Wüthrich in seinem neuen Buch nachweist („Die Antigone des Bertolt Brecht“; Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 S.) In der Zürcher Stadelhoferstraße begegnete Brecht im November 1947 nämlich dem exilierten Theaterproduzenten Hans Curjel, der ihn und Kurt Weill einst, vor dem Krieg, in Berlin zur „Mahagonny“-Oper ermuntert hatte, selbst wenn Curjel diese dann aber in der Kroll-Oper, wo er zu der Zeit noch tätig war, nicht durchbrachte. Curjel leitete inzwischen in der Schweiz eine gutgehende Tournee-Genossenschaft – und zusätzlich das kleine Churer Stadttheater. Das Haus diente allerdings mehrmals in der Woche als Kino. Lehrende am Churer Gymnasium waren mit dem Wunsch nach einem griechischen Klassiker an Curjel herangetreten, und Curjel dachte gleich an Sophokles „Antigone“ – von der Hegel einst sagte, sie sei „die reinste Ausprägung der antiken Tragödie“, schreibt Wüthrich. Brecht willigte für 1000 Franken Honorar ein, die dichterisch stellenweise „dunkle“ Antigone-Übertragung des Johann Christian Friedrich Hölderlin zu verwenden – und zu überarbeiten. Curjel stellte noch eine Bedingung: Brecht solle selbst inszenieren. Der holte sich als Ko-Regisseur den Freund aus Schulzeiten und Bühnenbildner des Zürcher Schauspielhauses Caspar Neher. Wenn Brecht bereit war, nach Chur zu gehen, dann auch, weil er und Neher von der viel gerühmten Schauspielhaus-Ästhetik enttäuscht waren. „Man steht hier immer noch im Jahre 1926“, befand Neher. Und: „Wir haben die Zerstörung Europas erlebt. (…) und hier in der Schweiz macht man das älteste Theater, was man sich denken kann.“ Gemeint war, wie Werner Wüthrich im Gespräch erläutert „der feine, poetische, psychologische Realismus des Schauspielhauses“. Der ging auf die Ästhetik von Max Reinhardt und die Schauspielmethode von Konstantin S. Stanislawski zurück. Brecht hatte die klare Absicht, mit dieser Art „Illusionstheater“ zu brechen. Mit „Psychologie“ oder auch etwa dem einflussreichen französischen Existentialismus eines Anouilh oder Sartre, der die Entscheidung eines Individuums in den Vordergrund stellte, hatte Brecht „nichts am Hut“, ergänzt Wüthrich mündlich.

 

Brecht änderte ziemlich viel

 

Bei Sophokles war der neue Herrscher der Stadt Theben eine Figur, die anfänglich noch gute Gründe für sein hartes Handeln beanspruchen zu können glaubte. Er hieß bekanntlich Kreon und war der Onkel der bitter verfeindeten, unsinnig ums Leben gekommenen Ödipus-Söhne Polineikes und Eteokles: gegenseitig hatten sie sich im kriegerischen Zweikampf getötet. Antigone war deren Schwester – und trauerte. Kreon aber war voller Zorn über den einen, Polineikes, denn der hatte aus Hass auf den eigenen Bruder und eigentlichen Thronfolger Eteokles das feindliche Argos zu einer Belagerung Thebens aufgestachelt, also einen furchtbaren Verrat begangen. Dieser Angriff konnte Theben abschlagen, aber Kreon ließ sich zu einer besonderen Grausamkeit verleiten: zur Abschreckung durfte Polineikos nicht beerdigt werden, sondern sollte als Fraß der Hunde vor den Mauern der Stadt liegen bleiben. Antigone aber bedeckte ihn heimlich mit Staub. Kreon, taub gegenüber allen Ratschlägen, verfügte ein Todesurteil über Antigone, seine Nichte, obwohl sie die Braut seines eigenen Sohn Haimon war. Sturheit und Hochmut machten Kreon zum Tyrannen. Zu spät erst bringt ihn die durch sein Tun ausgelöste tragische Verkettung – Antigone, Haimon und Kreons Frau sterben und verfluchen ihn – zur Einsicht, und als ein Niemand muss er Theben schmählich verlassen. Brecht änderte die Geschichte. Im „Antigonemodell 1948“ schreibt er: „Frage: Soll Kreon im Unglück die Sympathie des Publikums haben? – Antwort: Nein.“ Nun, bei Brecht, ist Kreon alleiniger Verantwortlicher für einen Angriffs- und Raubkrieg gegen Argos, und es ist Kreon, der Polineikos tötet, als der nach dem von Brecht erfundenen Schlachtentod seines Bruders Eteokles desertieren will. Mit deutlichen Parallelen zum deutschen Diktator verliert Kreon nach vorschnell verkündetem Sieg und verfrühtem rauschhaftem Siegestaumel schließlich den Krieg gegen Argos, will aber ganz Theben mit sich in den Abgrund reißen. Bei Brecht blieb sich nur der Antigone-Strang der Handlung gleich.

 

Chur zeigt sich perplex

 

Die Aufführung wirkte gleichzeitig überinszeniert und „sehr kalt“. Überzeugt, das Theaterexperiment gehe als Modellinszenierung auf eine lange Tournee, überließ Brecht nichts dem Zufall und arbeitete intensiv mit dem neugeformten Ensemble und an der Ausstattung. Die Aufführung sollte mit der „Mutter Courage“ den Start bilden für den Neuanfang in Berlin: zwei Hauptrollen für Helene Weigel, Brechts Frau. Fatal erwies sich, dass Brecht die Premiere zweimal verschob, weitere nunmehr öffentliche Proben zwischen einer Vorpremiere und der eigentlichen Uraufführung einschob, ohne zu bedenken, dass sich das Publikum sowieso gleich ein fertige Meinung bilden würde. Mit ein Grund war sein Wunsch, die Aufführung Bild für Bild durch Ruth Berlau, die als seine Geliebte galt, fotografisch zu dokumentieren, im Hinblick auf „Antigonemodell 1948“. Ein Missverständnis entstand insbesondere, als die Schulklassen, die in die Proben geschleust wurden und sich am O-Text von Sophokles intensiv vorbereitet hatten, Bühnenarbeiter herumhantieren sahen – und das Ensemble saß auf im Halbkreis angeordneten Bänken vor dem rotbemalten Bühnenhintergrund herum, bevor einzelne aufstanden und erst in einem grell beleuchteten kleineren Spielfläche Haltung als SchauspielerIn annahmen. Dass dies bereits die fertige Aufführung war und zum ganzen Regiekonzept des „epischen Theaters“ gehörte, hatte ihnen niemand gesagt. Die Wirkung verpuffte, schlug ins Gegenteil um: er verstehe „nichts“ von Theater, setzte sich als Meinung fest. Ohnehin wurde bei Brecht in Chur „Kommunismus“ gewittert. Folge: Nur noch eine einzige, schlecht besuchte Aufführung wurde nach der Premiere angesetzt! Auch bot die Winterolympiade in St. Moritz scheinbar Erbaulicheres. Der Churer Lehrkörper verzieh Brecht nicht, über Hölderlin „hergefallen“ zu sein: „Barbarei“, „Sakrileg“, wie wenn dem „Tell“ des Malers Hodler eine „rote Fahne“ in die Hand gedrückt würde, hieß es.

 

Episches Theater

 

Die Profis, die aus Zürich und Deutschland anreisten, waren zwar beeindruckt, aber auch etwas erschreckt „über dieses kalte, rekonstruktive Theater“ – und statt einem längeren Gastspiel räumte das Zürcher Schauspielhaus dieser brechtschen Antigone nur eine einzige Matinee-Vorstellung an. Schlimmer: Curjels Theatergenossenschaft geriet durch den Flop in finanzielle Schieflage, sein Vertrag in Chur wurde nicht verlängert. Werner Wüthrich zeigt, dass die Reaktionen in Berlin-Ost sogar noch ablehnender waren als in der Schweiz, wo die Presse immerhin auch lobende Worte fand. Nach der Übersiedlung Bertolt Brechts und Helene Weigels nach Berlin und der Bildung des „Berliner Ensembles“ – zu dem auch etliche Kräfte der Chur-Inszenierung gehörten, u.a. der junge Kreon-Darsteller –, wurde eine Aufführung dieser Antigone schlicht untersagt. (Nur 1951 in der Provinz, in Greiz/Thüringen, wurde sie an wenigen Abenden gegeben, verschwand aber gleich wieder aus dem Spielplan.) Es war kein „positives“ Stück, und die Sozialistische Einheitspartei der neugegründeten DDR setzte wie das sowjetische Vorbild auf Identifikationstheater Marke sozialistischer Realismus, nicht auf Brecht’sche reflexive Distanz und „Formalismus“-verdächtige Archaisierung. Streng wurde Stanislawskis Einfühlungsmethode verordnet, wiewohl noch zu zaristischen Zeiten entwickelt. Dabei stützte sich Brecht mit dem Begriff episches Theater harmlos genug auf Schiller, der seinem Freund Goethe am 26.12.1797 schrieb: „Die dramatische Handlung bewegt sich vor mir, um die epische bewege ich mich selbst (…). Bewegt sich die Begebenheit vor mir, so bin ich streng an die sinnliche Gegenwart gefesselt, meine Phantasie verliert alle Freiheit, (…), alles Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer fremden Gewalt folge. Beweg ich mich um die Begebenheit, die mir nicht entlaufen kann, so kann ich (…) nach meinem subjektiven Bedürfnis mich länger oder kürzer verweilen, kann Rückschritte machen oder Vorgriffe tun und so fort.“ (zit. nach: „Antigonemodell 1948“). Brecht suchte dann in den „Stanislawski-Studien 1951-1954“ einen Kompromiss zwischen seiner Ästhetik und jener des berühmten, 1863 geborenen und 1938 verstorbenen Russen. In den „Nachträgen zum ‚Kleinen Organon’“ des Jahres 1954 gab er den Begriff „episches Theater“ schließlich auf.

 

PS: Im Schlusssatz des „Kleinen Organon“ (1948) hielt Brecht fest, „die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst“. Im „Antigonemodell 1948“ jedoch, der nachträglichen Dokumentation der Aufführung, meinte er, KünstlerInnen täten gut daran, „nicht blindlings auf die Beteuerung zu vertrauen, dass Neues willkommen sei“.

 

Werner Wüthrich: Die Antigone des Bertolt Brecht. Eine experimentelle Theaterarbeit, Chur 1948 (Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 Seiten, 70 Abbildungen)

 

Im neuen Disney-Film "Zoomania" bewohnen Raubtiere und Beutetiere modisch bekleidet und politisch korrekt gemeinsam eine Großstadt, bis ausgerechnet die scheinbar Harmlosesten unter ihnen ein Komplott aushecken.
Die Kleider der Tiere in dem wunderbar utopischen Film ließen mich an ein Märchen zurückdenken, das ich 2013 niederschrieb und das damals auch von der Lehrerin einer 3. Klasse in der Schweiz Kindern vorgelesen wurde.

 

 

Wie die Tiere die Mode erfanden
Märchen
(Peter Kamber, 2013; © Liepman Agency)

 

Unbekleidet herumzugehen sei blöde, fand der Löwe: „Einfallslos und öde!“ Es töte seinen Geist. Also legte er sich ein Fell zu und er erfand die Mode. Die anderen Tiere taten es ihm nach. Und als die ersten Menschen das sahen, sprachen sie: „Wollen wir die einzigen ohne Kleider sein?“ Doch wie genau das vor sich ging, und wo, das soll hier geschildert werden.

 

Das Zebra war gewohnt, dass der Löwe ihm nachstellte und nachsprang – in keiner anderen Absicht, als es zu fressen. War das nicht ein Skandal? Damit konnte sich das Zebra natürlich auf keinen Fall einverstanden erklären. Zum Glück war das Zebra sehr schnell und rannte schon davon, wenn sie den Löwen oder die Löwin von weitem sah.
Die beiden waren ein junges, verliebtes Raubkatzenpaar und dementsprechend hielten sie sich nicht an geregelte Essenszeiten, dösten faul und schmusend unter einem schattigen Baum, bis sie merkten, wie ungeheuer hungrig sie eigentlich waren. Auf lange anstrengende Hetzjagden konnten sie sich dann auch gar nicht mehr einlassen – dazu fehlten ihnen die Kräfte, und dies war ein Glück für das ausdauernde Zebra, dem es nichts ausmachte, in hohem Tempo über weite Strecken zu galoppieren. Notfalls hatte das Zebra auch seine Hufe, mit denen es Boxschläge verteilte konnte, doch ein Kampf war keinesfalls ein Spaß, sondern böser Ernst und nervenaufreibend. Wenn der Löwe oder die Löwin gar hochspringen würde und es am Hals erwischte, dann würde das ohne Zweifel böse ausgehen. Also war Vorsicht geboten!


Mit Erstaunen sah das Zebra nun eines Tages aus seinem guten Versteck, dass der Löwe mit etwas ganz anderem beschäftigt war, als zu faulenzen oder ihm nachzujagen: Er ließ sich von der Löwin gehörig bewundern.
"Ein so schönes Fell hat sonst niemand", sagte die Löwin und sie wolle auch eins. Nur auf den Kragen könnte sie gut verzichten. Denn sie war klüger als er – der Stolz des Löwen verdunkelte manchmal seinen Verstand. Die Löwin aber dachte, wenn es kalt wäre, könne so eine Mähne um den Hals zwar vielleicht nützlich sein, aber unter der starken Sonne wäre sie sicherlich eine Last und würde sie bei der Jagd unnötig zum Schwitzen bringen.
„Dasselbe goldgelbe Fall, aber ohne Löwenmähne“, hüstelte sie, „ich meine: ohne Kragen!“
Der Löwe verschwand, dann kehrte er nach einer Weile wieder zurück und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nu hatte die Löwin auch so ein Fell! Das Zebra staunte über die Verwandlung, die sich vor seinen Augen vollzog, und da das Zebra besonders gut darin geübt war, im Gras Fährten zu lesen, folgte es der Spur des Löwen.


Es ging durch ein dichtes Stück Wald, in einen tiefen Grund mit einem Bach, über einen Hügel mit üppigem Gestrüpp und da öffnete sich der Blick und das Zebra kam zu einem verzauberten See. Es war durstig und trank mit herabgesenktem Kopf. Das kühle Nass tat so gut, fast hätte das Zebra vergessen, weshalb es überhaupt hierhergekommen war. Da hörte es neben sich eine leise hohe Stimme, so fein, als wäre das Wesen, das zu ihr sprach, da und doch nicht da. Deshalb schaute sich das Zebra auch nicht um.
„Was tust du hier?“, hörte es im freundlichsten Ton der Welt.
Ohne hochzublicken, sagte das Zebra: „Trinken!“
„Das sehe ich“, sagte die Stimme, „aber du bist doch nicht deswegen hergekommen?“
„Wie wunderbar das Wasser hier schmeckt!“ Erst jetzt hob das Zebra den Kopf und dachte nach: „Ja, warum bloß führte mich der Weg hierher? Eben wusste ich’s noch!“
„Was vergessen ist, ist noch da, und plötzlich kommt es uns wieder in den Sinn“, sagte die Stimme. „Nur an das, was wir nie hörten und nie sahen, können wir uns nicht erinnern.“
„Oh, das klingt kompliziert“, sagte das Zebra, lass mich überlegen! Dräng mich nicht! Wie soll, wer zur Eile angetrieben wird, ruhig nachdenken?“
„Nimm dir Zeit! Je ruhiger der Atem geht, um so schneller fliegen uns die Gedanken zu.“
Noch immer ohne zur Seite zu schauen, denn die Stimme klang schön und rein und war kein Bisschen bedrohlich, wollte das Zebra schon in aller Ruhe noch einmal trinken, da plötzlich kam es ihm in den Sinn: „Der Löwe! Er hat neuerdings ein prächtiges goldgelbes Fell, und die Löwin auch. Da fragte ich mich, wie das wohl zu und her gegangen sei. Das schien mir wahre Zauberei!“
Nun erst drehte das Zebra den Kopf. Und was sah es über den Blättern der Seerosen? Eine Elfe mit schwirrenden Flügeln, die fast durchsichtig waren. In der Hand hielt die Elfe einen funkelnden Zauberstab.

 

 

„Oh!“, sagte das Zebra. „Bist du eine Elfe?“
„Das siehst du doch.“
„Ist es wahr“, fragte das Zebra schnell, „dass wer eine Elfe sieht, einen Wunsch frei hat?“
„Ja, freilich. Aber niemand weiß den Weg zu uns. Der Löwe fand ihn nur durch Zufall und gelobte feierlich zu schweigen! Deshalb möchte ich, bevor ich auch nur daran denke, dich nach einem Wunsch von dir zu fragen, zuerst wissen, ob noch andere Tiere hierher zu diesem stillen Ort finden könnten?“
„Ich glaube kaum! Und ich denke auch nicht, dass mir irgendwer gefolgt ist. Ich sah niemanden hinter mir!“
„Da bin ich ja beruhigt“, sagte die schöne Elfe. „Denn ich als Elfe habe, wie dir sicher klar ist, jeden Tag so viele wichtige Aufgaben zu erfüllen, dass ich keine Zeit hätte, allen Tieren einen Wunsch zu erfüllen!“
Das Zebra konnte sich zwar nicht vorstellen, was eine Elfe den lieben langen Tag zu erledigen hatte, aber es sagte bereitwillig:
„Natürlich hast du anderes zu tun! Ich sehe schon lebhaft, eine unendlich lange Schlange von Tieren vor mir, die alle nur darauf warten, sich von dir ihren größten Wunsch erfüllen zu lassen!“
„Genau! Kluges Zebra! Das wäre mein Ende hier! Wir Elfen brauchen die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und die Unberührtheit eines stillen Gewässers! Nun sag mir deinen Wunsch und versprich mir hoch und heilig, niemandem etwas davon zu erzählen!“
„Ehrenwort!“, versprach das Zebra, und sagte ohne lange zu überlegen: „Ich wünsche mir ebenfalls ein Fell! Wie der Löwe und die Löwin!“
„Bist du sicher, dass du goldgelb aussehen willst wie er und sie? Denn viele von den Tieren, mit denen du befreundet bist, könnten dich fürchten, wenn ihr euch zum Verwechseln ähnlich seht!“
Traurig ließ das Zebra den Kopf zum weißen, lehmigen Boden am Rande des verzauberten Sees sinken. Denn es sah ein, dass die Elfe recht hatte: Alle würden vor ihm die Flucht ergreifen und es wäre bald das einsamste Tier weit und breit! Aber was für ein Fell sollte sich denn stattdessen wünschen?
Die heiße Sonne stand seitwärts über ihnen und warf von schräg oben einen harten Schatten auf die vier Beine des Zebras. Da wo die Sonne hin schien , war leuchtendes Weiß, da wo der Schatten eines der Beine hinfiel, schwarz. Das Muster gefiel dem Zebra und es sagte der Elfe, genau so ein gestreiftes Fell, in dem sich Weiß und Schwarz abwechselten, möchte es haben!


Freudig suchte das Zebra den verschlungenen Weg zurück und ließ sich von allen Bekannten bestaunen. Doch obwohl alle das Zebra bestürmten, es möge ihnen das Geheimnis verraten, hielt es sich an das Versprechen und sagte: „Ich darf nichts darüber verlauten lassen. Keinen Ton!“
„So, so“, sagte der schlaue Fuchs, „keinen Mucks darfst du von dir geben?“
„Genau so ist es!“, bestätigte das Zebra.
„Verstehe ich!“, sagte der Fuchs scheinheilig. Auch der Fuchs sah wie alle anderen Tiere farblos aus, so als wäre er nur mit einer Linie gezeichnet! Und das fuchste ihn, wie er zu sagen pflegte!
„Geht alle nach Hause!“, rief der Fuchs. „Dringt nicht weiter auf das Zebra ein! Versprochen ist versprochen! Wer will schuld daran sein, wenn das Zebra sein Wort gibt und es dann wegen uns nicht halten kann!“


Als die Übrigen gegangen waren, dankte das Zebra dem Fuchs, ohne zu ahnen, dass der das Zebra nur aushorchen wollte und deshalb ganz allein mit ihm zu sein wünschte.
„Aber immer gerne!“, sagte der Fuchs scheinbar großherzig. „Auch ich bemühe mich, das, was ich verspreche, zu halten, und ich weiß, wie schwer mir das manchmal gemacht wird. Deshalb würde ich dich auch nie danach fragen, wem genau du denn das Versprechen, nichts zu sagen, ablegen musstest!“
„Das ist wirklich nett von dir“, sagte das Zebra. „So viel Verständnis hätte ich gar nicht erwartet!“
„Nun“, entgegnete der Fuchs, „wenn wir schon davon sprechen: Ich hätte mir selbstverständlich kein schwarz-weißes Fell gewünscht wie du!“
„Sondern?“, fragte das Zebra plötzlich bedrückt – denn das hörte sich nicht gerade freundlich an.
„Eines in Farbe! Ein rötliches, mit einem buschigen Schwanz!“
„Ach so!“, sagte das Zebra kleinlaut.
Der Fuchs spürte, dass der Augenblick gekommen wäre, den Versuch zu wagen, ob das Zebra nicht zu überlisten wäre, und im Ton des größten Bedauerns sagte er:
„Aber ich glaube, die Kräfte jenes Wesens, das dir dein Fell schenkte, reichen wohl nicht so weit, auch ein farbiges Kleid herbeizuzaubern, deshalb hat es wohl auch gar keinen Sinn, weiter davon zu reden!“
„Du irrst dich“, widersprach das Zebra ahnungslos, „die Elfe kann jeden Wunsch erfüllen!“
Schon hatte sich das Zebra verplappert und reumütig ging es den Weg zurück zum Zaubersee, um der Elfe das Ungeschick zu gestehen.
Die Elfe blickte streng, ob dem Zebra irgend ein anderes Tier gefolgt sein könnte, dann aber lösten sich die ernsten Gesichtszüge der Elfe und fanden zurück zum zauberhaften Lächeln, an dem Elfen zu erkennen sind:
„Dass wir uns gegen unseren Willen verraten, wenn uns listige Gesellen wie der Fuchs ausfragen, kann leider allen von uns geschehen!“
Kaum war das Zebra aber verschwunden, trat der Fuchs aus dem dichten Gebüsch hervor, stolzierte unter der Fee hin und her. Denn sie hatte sich mit ihren Flügen in die Luft erhoben und wollte vor ihm fliehen:
„Sieh an, eine Elfe!“, sagte er spöttisch. „Ich wette, nicht du bist es, die über jene Zauberkräfte verfügt, von der das Zebra mir leider nichts – sagen wir: so gut wie nichts – erzählen wollte! Wie schade! Wie gerne hätte ich dich, liebe, nette Elfe, bei allen Tieren in den höchsten Tönen gelobt! Es heißt zwar, wer eine Elfe sehe, dürfe sich was wünschen, doch das müsste ich zuerst sehen um es zu glauben! Denn ich bezweifle es sehr! Was du in den Händen hältst, sieht zwar ganz so aus wie ein Zauberstab, doch ist wohl nur Schabernack und zu nichts gut außer eitler Gaukelei.“
So fuhr er fort, die Elfe zu kränken, bis sie Kehrt machte und direkt vor ihm auf dem Boden landete.
„Bei meiner Ehre!“, sagte die Elfe. „Auch dir erfülle ich einen Wunsch, obwohl es nicht schön ist, dass du das mit Frechheiten erzwingst! Und dir muss ich das Versprechen, nichts über mich zu verraten, gar nicht abnehmen! Denn du wirst es sowieso eifersüchtig für dich bewahren! Du gönnst ja niemandem was! Da du nun aber schon mal hier bist, lass mich hören, was du begehrst, und dann bitte geh und lass mir meinen Frieden!“
„Wenn du wüsstest, wie gut ich dich verstehe!“, heuchelte der Fuchs, „auch ich könnte hier nicht den ganzen Tag rumsitzen und Wünsche der Tiere erfüllen: Denk dir nur, wie viel verschiedene Tiere es gibt! Sicher wäre ein Wunsch wunderlicher als der andere! Ich hingegen bin, wie du gleich sehen wirst, sehr bescheiden!“


Als der Fuchs zurückkehrte, hatte er das ersehnte rötliche Fell und den buschigen Schwanz.
„Nie im Leben!“, sagte er allen, die ihn befragten. „Ich wäre schön dumm, wenn ich euch auch nur das Geringste verraten würde!“ Stolz zog er seines Weges. Noch einmal drehte er sich um: „Geheimnisse wären keine Geheimnisse, wenn sie nicht geheim bleiben müssten!“
Der Papagei aber, der klügste unter den Vögeln, hatte von einem hohen Baum aus zugesehen, wie der Fuchs dem Zebra nachgeschlichen war. Und in Gedanken malte er sich schon aus, was für ein farbenfrohes Gefieder er als Papagei sich wünschen würde! Die Farben kannte er vom Regenbogen und wie hätte er sich da mit seinen vielen Papageienfreundinnen und -freunden auf eine einzige festlegen wollen? In allen Farben würden sie erstrahlen! Die bunteste Schar würden sie sein!
So flog der Papagei los und fand nach einigem Suchen hinter dem dichten Wald, der tiefen Bodensenke mit dem Bach und dem Hügel mit Büschen den lieblichen Zaubersee.


Die Elfe war gerade damit beschäftigt, mit ihrem glitzernden Stab Gedichte auf die Seeoberfläche zu schreiben. Dann wollte die Elfe die Seerosen zurechtschneiden und im Schilfrohr am Ufer nachsehen, ob die Kaulquappen der Frösche gut gediehen, auch ob die kleinen Fische gut geschützt wären, bis sie selbst groß und stark genug wären, im tiefen Wasser zu schwimmen.
Da landete der Papagei neben ihr und begann sich vor Lachen zu biegen: „Du bist es also! Eine Elfe! Wer hätte das gedacht! Ein Zaubersee, ganz in der Nähe, verborgen vor uns! Du hast dich gut versteckt, das muss ich zugeben!“ Und ehe die Elfe ihn auch nur bitten konnte, ihr Geheimnis zu wahren, flog er auf rief alle übrigen Tiere herbei! Und stundenlang, tagelang standen sie geduldig in einer langen Kolonne, bis jedes von ihnen an der Reihe war, sich etwas von der Elfe zu wünschen: Großwild, Bären, Elefanten, Giraffen, aber auch Rehe, Katzen, Hunde, Vögel. Die Adler warteten lange misstrauisch. Doch auch sie erhielten, was sie sich ausdachten. Bienen und Wespen summten der Elfe vor, was sie begehrten. Auch Käfer äußerten ihr Begehren. Die Elfe verstand alle ihre Stimmen. Krokodile hatten sich was ganz Besonderes ausgedacht. Am Schluss kamen die Schildkröten und zu allerletzt die Schnecken.


Die Menschen, die damals noch in Höhlen und in Laubhütten auf den Bäumen lebten, staunten nicht schlecht, als alle die modisch gekleideten Tiere plötzlich vor ihnen herumspazierten. Doch da auf dem Pfad zum See auch giftige Schlangen, schwere Mammuts und gefräßige Tiger waren, zögerten sie, sich anzustellen, und als sich endlich alle Tiere verlaufen hatten, da war die Elfe auch schon auf und davon, und der Zaubersee hatte aufgehört, ein verzauberter See zu sein.
Erschöpft und verzweifelt hatte sie das Weite gesucht, denn Elfen brauchen die Stille, sonst können sie mit ihrem Zauberstab keine Gedicht in die sanften Wellen schreiben und dadurch einen See verzaubern, auch keine Seerosen züchten und rauschendes Schilf wachsen lassen.
Da waren die Menschen natürlich traurig. „Wo ist die schöne Zeit der Elfen geblieben?“, klagten sie. „Wenn wir nur eher daran gedacht hätten, nach dem Zaubersee zu suchen! Was hätten wir von der Elfe nicht alles wünschen können!“
Da sie nun aber überall die zauberhaften Felle der Tiere sahen, begannen sie, nach faserigen Pflanzen zu suchen, wie Bast und Flachs, und begannen sie zu Leinen zu verweben. Auch zupften sie weiße wollige Watte aus platzenden Baumwollkapseln und verspannen sie zu Fäden für Gewebe. Die so gewonnenen Stoffe brachten sie mit Erdfarben zum Leuchten. Zuerst ahmten sie die Muster der Tierfelle nach, aber dann kamen ihnen immer neue Einfälle, einer toller und ausgefallener als der andere.


So kam es, dass die Tiere mit ihrer Einfallskraft die Mode erfanden, die Menschen diese Kunst aber schnell von ihnen lernten und sie darin noch zu übertreffen suchten, und wann immer die Elfe ab und zu heimlich zu ihrem geliebten ehemaligem Zaubersee zurückkehrte, lachte sie über die Fantasie der Modeschöpfer und Modeschöpferinnen unter diesen Menschen.


Sie zeigte sich aber nie mehr. Nur dann und wann, wenn ein Mädchen oder ein Junge einsam den Wunsch verspürte, am Ufer leise zu singen oder ein Gedicht zu verfassen, dann war es, als hörten sie die feine Stimme einer Elfe, die ihnen Worte eingab, zu denen sie an keinem anderen Ort gekommen wären als in dieser wunderbaren Stille des alten Zaubersees.

 

Wen wir wann am Ton der Sprache und an den Taten erkennen

 

Wie leicht mit fremdenfeindlichen Verbalattacken und Plakat-Hetze zusätzliche Prozentpunkte bei Wahlen zu gewinnen sind, konnten die rechtsnationale Alternative für Deutschland und die Pegida lange Zeit an der nationalkonservativen, europafeindlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) absehen (die lange darauf aus war, in der Eidgenossenschaft eine „Tyrannei der Mehrheit“ zu errichten, wie der Zürcher Grüne Balthasar Glättli einmal formulierte).

 

Unter den diversen sprachlichen Anleihen zumindest scheint ein ganz bestimmtes AfD/Pegida-Schlagwort unverwechselbar auf diesen schweizerischen SVP-Ursprung zurückzugehen – kenntlich an der besonderen Absurdität und der Verwendung als Totschlag-Argument: Die Entgegnung nämlich, wer sie – im Sinne der alten deutschen Sage aus Hameln – „Rattenfänger“ nenne, bezeichne ihre Wählerinnen und Wähler damit im gleichen Zug als „Ratten“.

 

Dabei weiß jedes Kind, dass der um seinen Lohn betrogene Rattenfänger aus dem Mittelalter mit seiner Pfeife nur deshalb zum Schreckensbild wurde, weil er rachsüchtig wiederkehrte, um beim zweiten Mal junge Menschen und Kinder hinweg zu locken – nicht nochmals Ratten und Mäuse.

 

Armin-Paul Humpel, AfD-Vorsitzender in Niedersachsen, schleuderte dessen ungeachtet kürzlich in einer Deutschlandfunk-Diskussionssendung (8.2.2016) einem sozialdemokratischen Gegner wegen des „Rattenfänger“-Vergleichs entgegen: „Sie diffamieren uns als Ratten“, „als Rattenfänger“, das sei „kein demokratischer Diskurs, das ist nur noch übelste Beleidigung“, „eine Hetze gegen uns“. Uwe Junge, Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz blies in einer anderen Live-Diskussion des Deutschlandfunks (3.2.2016) gegenüber einem weiteren SPD-Mann, abgehackt, in dasselbe Horn: „Die SPD spricht von Rattenfängern. Wenn ich ein Fänger bin: in Ordnung. Aber wenn Sie bezogen auf 10% – wenn man davon ausgeht, in Rheinland-Pfalz, von 300.000 Bürgern in Rheinland-Pfalz – von Ratten sprechen, Bürger genau wie Sie, dann ist das nicht in Ordnung.“

 

Lutz Bachmann behauptete an der Pegida-Veranstaltung vom Montag, 19.10.2015 in Dresden über Justizminister Heiko Maas (SPD) schon dasselbe – insofern ist die Verwendung dieser auffallenden Rhetorik auch in hohem Maß charakteristisch für die propagandistische Übereinstimmung zwischen AfD und Pegida. Bachmann ist im Deutschlandfunk-Mitschnitt, der am 20.10.2015 gesendet wurde ("Pegida - Am Tag danach“), zwar an zwei Stellen nur schwer zu verstehen, doch der Rest der Aussage ist unzweifelhaft: „(...) ein Justizminister, dessen Wortschatz doch sehr an den des NS-Regimes aus den Dreißigern erinnert, der uns [?] als Rattenfänger bezeichnet und folglich [?] euch alle als Ratten, so wie es in den Dreißigern geschehen ist, als die Juden als Ratten bezeichnet wurden vom Regime; genauso macht das unser Justizminister mit uns allen momentan.“

 

Ausgedacht hatte sich diese Keulen-Rhetorik – wenn auch ohne den Bachmann’schen NS-Vergleich – ursprünglich der Schweizer Roger Köppel, und zwar in einem Editorial seiner rechtsgewendeten, einstmals überparteilich-liberalen „Weltwoche“ (Nr. 41, 8. Oktober 2014): Einem für Medizinaltechnik bekannten Schweizer Unternehmer (Hansjörg Wyss), der vor der SVP als den „Rattenfängern in Seldwyla“ warnte, warf Köppel damals „die erstaunliche Abgeschmacktheit seiner Vorwürfe und Sprachbilder“ vor: „Er beleidigt vor allem eine Mehrheit der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die er anscheinend für so dumm und für so unmündig hält, dass sie ‚Rattenfängern’ hinterherlaufen. Nur Ratten lassen sich von Rattenfängern fangen. Die Schweizer aber sind keine Ratten.“

 

Klarer Denkfehler Köppels: Die Grimm’sche Sage und die unzähligen Vorgängererzählungen seit dem Mittelalter reden eindeutig von Kindern (vgl. Hans Dobbertin, Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage, 1970; Wolfgang Mieder, Der Rattenfänger von Hameln. Die Sage in Literatur, Medien und Karikaturen, 2002).

 

Seltsamerweise verwendete Roger Köppel vor einiger Zeit in der Talkshow bei Sandra Maischberger (27.1.2016) den Ausdruck „Rattenfänger“ dann aber doch auch wieder selbst – für Rechtsextremisten, von denen er sich und seine SVP abgrenzt, obwohl er ideologisch so weit rechts außen streut, wie es seiner Meinung nach gerade noch ungestraft geht.

 

In der politischen Rhetorik der Neuzeit steht der Ausdruck Rattenfänger für einen Verführer, Scharlatan und Hetzer, dem die Massen wie hypnotisiert nachlaufen. Der österreichische Romanautor Johannes Freumbichler (1881-1949) – heute vor allem noch bekannt als der Großvater des wortgewaltigen Autors Thomas Bernhard – , etwa hielt 1948 in seinen Notizbüchern fest: „Daher fallen die Millionen Dummköpfe einem solchen Rattenfänger wie Hitler zu. Es ist die Dummheit, die sie ihm zutreibt. Sie sehen sich in ihm wiederum selbst, ins Maßlose vergrößert. Er ist ihnen das, was sie selber gerne sind und sein möchten: Ein befehlender, tyrannischer Stiefelmensch.“ (zit. nach Bernhard Judex, Der Schriftsteller Johannes Freumbichler, 2006, S. 162f)

 

Thomas Bernhard sebst bezeichnete schon mal auch Goethe als „philosophischen Rattenfänger“, der den Deutschen „ihre Seelenmarmelade abgefüllt hat“ (zit. nach www.zeitlupenbaer.de), weil Goethe – mit anderen – im frühen 19. Jahrhundert den Rattenfänger von Hameln in einem Gedicht romantisierte. „Ich bin der wohlbekannte Sänger,/ Der vielgereiste Rattenfänger“ (Goethe, „Der Rattenfänger“, 1804). Noch Carl Zuckmayer versuchte in seinem allerletzten Theaterstück „Der Rattenfänger“ (uraufgeführt 11.2.1975 am Schauspielhaus Zürich) dasselbe und präsentierte die Figur als eine Art Hippie, doch erfolglos: Wut, die in Gewalt umschlägt, lässt sich nicht mehr positiv wenden.

 

Noch um 1700 herum galt der Rattenfänger aus Hameln den meisten Kommentatoren als „ein böser Geist“, als „Hexenmeister“ oder gar als „der leidige Satan“ selbst. Er zählte klar zum dämonischen Typus: Elemente älterer Teufelssagen flossen sukzessiv in die Sage ein.

 

Der Rattenfänger kann Töne anzustimmen, welche die Leute um den gesunden Menschenverstand bringen – sie merken nicht, wie er ihnen den Tod bringt.

 

In den „Deutschen Sagen“ (1816/18) der Brüder Grimm hieß die Geschichte bekanntlich „Die Kinder von Hameln“: „Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er (…) gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien.“ Der Rest der vielfach übersetzten Sage ist Allgemeingut. Wikipedia behauptet, „dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen“.

 

„Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so dass er zornig und erbittert wegging.“

 

Es ist also die Geschichte einer furchtbaren Wut, die zu einer unmäßigen Rache führt. Die Gebrüder Grimm weiter: „(…) erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen Angesichts mit einem roten, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.“ (zit. nach: Heinz Rölleke, Das große deutsche Sagenbuch, Artemis & Winkler, Zürich 1996)

 

Der Rattenfänger übersteigt also an Schrecken bei weitem den ebenfalls Grimmschen Wolf im Schafspelz oder den Lafontaine’schen schmeichlerisch-lügenhaften Fuchs: die Gestalt lädt eine unablösbare Schuld auf sich. Psychologisch passt die Sagenfigur durchaus zur Wutgetriebenheit der AfD/Pegida, und es ist hoch bedeutsam, mit welcher Vehemenz deren Exponenten gerade diese Ähnlichkeit bestreiten.

 

Ein Phantasma wirkt, solange es unbewusst bleibt und Konsequenzen verdrängt werden können. Von Wortbruch reden auch sie, und in ihrem Zorn haben sie der bestehenden Parteienlandschaft Rache geschworen; wohin sie bestimmte Personen führen möchten, sagen einzelne auf mitgeführten Plakaten erschreckend offen. Nur an „Zaubermusik“ erinnern ihre Reden nicht:

 

„Der Stadt drawet [droht] sein Zorn und Rach“, schilderte im Jahr 1595 ein Erzähler der Sage, Georg Rollenhagen, und wegen der Verfluchungen, die der Rattenfänger äußerte, konnte er auch nur „heimlich“ vorgehen, während die Leute „in der Kirchen saßen“: „War der Mann widder [wieder] auff der Gassen / Und fü[h]rt mit sich hinauß geschwind / Hundert und dreißig liebe Kind / Die seiner Pfeiff folgten (…).“

 

Zum „Rattenfänger“ gehört von Anfang an die Heimtücke – wie jene, die in nächtlichen Anschlägen auf Asylunterkünfte zum Ausdruck kommt, bin ich verpflichtet zu sagen.
 

Aus Anlass der sogenannten "Durchsetzungsinitiative" rechtsnationaler Kreise in der Schweiz vom 28. Februar 2016

 

Sie ist das letzte Überbleibsel der alten Verbannungsstrafe – die Ausweisung von Ausländerinnen und Ausländer auf gerichtlichtlichen oder administrativen Beschluss. Es ist kaum mehr im Bewusstsein verankert, dass die Obrigkeiten der eidgenössischen Orte in der vordemokratischen Ära einstmals auch die eigenen Bürgerinnen und Bürger verbannt haben – in hoher Zahl. Im gestrengen Alten Bern gab es die Drei-Fehler-Regel: beim dritten Fall von Ehebruch oder wenn drei Mal ein vorehelicher Liebesakt feststellbar war – bei Frauen ersichtlich an einer Schwangerschaft oder der Geburt eines unehelichen Kindes, wurde die fehlbare Person unweigerlich des Landes verwiesen. Davon blieben auch höchstgestellte Kreise nicht verschont. 1663 wurde Johannes Willading, Sohn des Alt-Seckelmeisters, verbannt, weil er „in den“ dritten „Ehebruchsfehler“ – so das Ratsmanual – „gefallen“ war. Das periodisch verkündete „Sittenmandat“ schrieb 1661 vor: 10 Tage „Gefangenschaft“ und Ausschluss aus Ehrenämtern und Diensten beim ersten, 20 Tage Haft beim zweiten Fehler. Wer sich zum dritten Mal erwischen ließ, „soll als ein unbußfertiger Hurer (…) von Stadt und Land verwiesen“ und „vor dreien Jahren nicht begnadiget werden“. 1632 wurde die Magd des amtierenden Stadtschreibers wegen Abtreibungsversuchs und geheimgehaltener Schwangerschaft nach Marter mit dem Daumeisen auf dem Markt unter Trommeln mit Ruten ausgestrichen und aus der Stadt verbannt. Auch jene Frauen und – in geringerer Zahl – Männer, denen Hexerei vorgeworfen wurde, und die trotz Folter an ihrer Unschuld festhielten, traf die Verbannungsstrafe – auf ewig. Bei Verdacht auf Mord und Raub wurden den Menschen, die selbst unter schwerster Folter kein Geständnis ablegten, zusätzlich zur blutigen Rutenstrafe und zur Verbannung ein „B“ – für Bern – auf den Leib gebrannt: Brandmarkung vor Publikum.

 

Kein Wunder galt die Verbannung als verhasstes Zeichen der alten Herrschaft, hielt sich aber selbst noch im 19. Jahrhundert: kantonsfremde Unliebige wurden öfters einfach über die eigenen Kantonsgrenzen gestellt. Erst 1874 schrieb die Verfassung im damaligen Art. 44 die Unzulässigkeit der Verbannung eines Kantonsbürgers durch den Kanton aus seinem Gebiet fest – eine direkte Folge der für das ganze Gebiet der Schweiz gewährleisteten Rechtes der freien Niederlassung (Zeitschr. f. Schw. Ges.gebung, 1876, S. 711). Der damals berühmte Staatsrechtler und Aphorismendichter Prof. Carl Hilty meinte: „Die alte Eidgenossenschaft ist denn auch zum Theil direct an diesen ihren Verbannungsliebhabereien zu Grunde gegangen. (…) Eine Verbannung eines Bürgers aus dem eigenen Staat ist (…) des Staates unwürdig, der sich so seiner Pflicht (…) auf sehr billige Weise entledigt. (…) Kein anderer Staat braucht einen Menschen zu dulden, den sein eigenes Land für zu gefährlich oder zu unwürdig hält.“ (ebenda, 1876, S. 614/621)

 

Die Verbannung von Ausländern indessen blieb, obwohl die Schweiz damals „Niederlassungsverträge“ mit einer wachsenden Zahl von Staaten abschloss. Hilty und der Verein für Straf- und Gefängniswesen forderten 1876 in Luzern mit einer Resolution, dass „jede Art Verbannung“ auch „gegenüber Bürgern vergegenrechteter Staaten fortan unzulässig“ sein solle (S. 632). Vergeblich. Immerhin forderten viele Kenner der Materie im 20. Jahrhundert (Peter M. Trautvetter, 1957; Andreas Zünd 1993) wenigstens ein Ende der gerichtlichen Ausweisung, um die Entscheidung der Fremdenpolizei zu überlassen, insbesondere, damit sie „für ihre Entscheidung auch das Verhalten des Ausländers während des [Straf-]Vollzugs berücksichtigen“ könne (Trautvetter, S. 105). Verhinderung von Straftaten durch Resozialisierung war das. Auch Zünd sprach sich für „ersatzlose Streichung der strafrechtlichen Landesverweisung“ aus, damit „die Fremdenpolizei die nötigen Maßnahmen trifft“, in genauer Kenntnis jedes Falls. Doch politisch steht jetzt plötzlich wieder der uralte Gedanke an möglichst scharfe Sondersanktionen durchs Band weg zuvorderst.

Von Carl Hilty, der später an den internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag berufen wurde stammt der Satz: „Ein kleiner Staat muss eine moralische Größe sein, um bestehen zu können.“ Alte eidgenössische Verfechter liberaler Vorstellungen wie er würden sich angsichts der „Durchsetzungsinitiative“ die Augen reiben. Obwohl es keine Gesetzesinitiative gibt, wird versucht, ein überladenes Fuder gesetzesähnlicher Bestimmungen in die Verfassung zu pferchen, Parlament und Gerichte auszuschalten – und von Ausweisung (sprich: Verbannung) Betroffene über einen Kamm zu scheren – um im Bild der Schwarzen-Schafe-Plakate zu bleiben. Braucht eine selbstbewusste Schweiz diese Art archaischer Sündenbock-Jagd?

 

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